Samstag, 16.9.00
- 71 Meilen = 114 km -

Gegen 5.30 Uhr haben wir ausgeschlafen. Sämtliche Fenster des Wohnmobils sind zugefroren, und später muss ich dickes Eis von den Scheiben im Alkoven kratzen. Wir frühstücken gemütlich und ziehen dann die wärmsten Sachen an, die wir dabei haben und machen einen Morgenspaziergang. Wir sind nicht die Einzigen, die um diese frühe Stunde schon unterwegs sind. Ein Schneehase hoppelt vor unserer Nase ins Gebüsch und sieht uns von dort neugierig an. Er macht überhaupt keinen scheuen Eindruck. Und bald darauf sehen wir die nächsten beiden, die durch die Gegend streifen. Wir unterhalten uns mit einem Alaskaner, der mit seinem Hund eine Runde dreht. Der erzählt uns, dass wir heute Nacht - 10 Grad hatten! Wenige Meter weiter bricht dann auf einmal ein Streit zwischen einem Jäger und einem offensichtlichen Tierliebhaber wegen der zur Zeit stattfindenden Elch- und Karibujagd aus. Wir suchen ziemlich schnell das Weite, ehe wir zwischen die Fronten geraten, denn der Streit wird immer lauter und droht fast zu eskalieren. Als wir am Flussufer eintreffen, steht der Deutsche von gestern Abend schon mitten im Flussbett und guckt angestrengt durch sein Fernglas den Fluss hinauf. Er hat weit oben eine Bärin mit einem Jungen im Gebüsch erspäht. Heute Morgen sind sämtliche Pfützen und die Ränder der Flussläufe dick gefroren, und unter unseren Schuhen ist das Knacken des Eises zu hören, als wir das Flussbett weiter hinaufgehen. Ansonsten herrscht hier wie gestern Abend totale Stille. Als ich durchs Fernglas blicke, kann ich einen schwarzen Punkt am rechten Uferrand im Gebüsch erkennen, der sich in unsere Richtung bewegt. Die beiden Tiere sind noch viel zu weit von uns entfernt, um ein Foto zu machen. Wir schlendern also weiter im Geröll herum (ständige Bewegung tut bei dieser Kälte Not, denn sonst ist man bald steifgefroren), als plötzlich oberhalb von uns ein relativ heller Grizzly gemütlichen Schrittes um die Ecke in unser Blickfeld kommt und völlig unbeeindruckt von unserer Anwesenheit damit beginnt, Wurzeln aus dem Kiesbett zu reißen. Kurz darauf gesellt sich dann noch ein dunkelfarbiger Bär dazu. Es sieht so aus, als wären die beiden Geschwister, denn allzu groß sind sie noch nicht. Bald sind sie nah genug, dass man sie fotografieren und filmen kann. Fasziniert sehen wir ihnen zu, bewahren aber ausreichenden Abstand zu ihnen, als sie näher kommen. Dann drehen sie plötzlich zum gegenüberliegenden Flussufer ab und sind bald darauf im Gebüsch verschwunden.

Der "Grizzly-Mann" aus Süddeutschland, wie wir den Deutschen schon gestern Abend getauft haben, erzählt uns, dass er sich schon vor 30 Jahren einen Jugendtraum erfüllt und hier oben an einem einsamen See eine Blockhütte gebaut hat, die nur per Wasserflugzeug erreichbar ist. Von seiner Hütte aus hat er einen direkten Blick auf den Denali. Er ist freiberuflich für ein Museum in Deutschland tätig (ich hatte ihn schon fälschlicherweise für einen Tierfilmer oder Ähnliches gehalten) und kommt jedes Jahr im Juli für drei Monate mit seiner Frau nach Alaska. Das wäre ebenfalls mein Traum! Die Beiden gehen jedes Jahr auf Reise quer durch Alaska und waren schon auf Kodiak, am McNeill usw. Beide sind wie wir totale Bärenfans und haben in den 30 Jahren hier oben noch nie eine gefährliche Bärenbegegnung gehabt. Das deckt sich ganz und gar mit unserer Einstellung, dass all die Unglücksfälle durch das falsche Verhalten der Menschen und nicht durch die Bären ausgelöst worden sind. Solange man sich "bärengerecht" verhält, wird nichts passieren, d. h., wir müssen respektieren, dass es ihr Land ist, das wir betreten, und nicht umgekehrt.

Gegen 11.45 Uhr verlassen wir diesen wunderschönen Ort um unten im Visitor-Center zu versuchen, noch einmal ein Permit für ein oder zwei Nächte für diesen Campground zu bekommen. Die Landschaft ringsherum ist auch heute wunderschön. Im Gegensatz zu gestern ist alles dick gefroren, und teilweise liegt an manchen Stellen eine leichte Schneedecke. Das tut unserer Begeisterung aber keinesfalls einen Abbruch. Im Gegenteil! Einen Dämpfer bekommen wir dann, als wir an der Visitor-Info ankommen und auf den großen Tafeln die roten Besetztschilder für die Campgrounds sehen. Hätten wir doch bloß gestern für mehrere Tage reserviert! Aber da wussten wir noch nicht, wie wundervoll es hier sein würde. Leicht geknickt setzen wir unsere Fahrt dann Richtung Healy fort, wo es einen Supermarkt geben soll. Sobald man den Einzugsbereich des Denali Parks verlässt, wird die Landschaft um uns herum relativ eintönig und wesentlich flacher. Der Supermarkt in Healy ist winzig klein, und das Einkaufen dort kann man aufgrund des Angebotes getrost vergessen. Weiter Richtung Norden wollen wir nicht mehr, und machen uns bald darauf wieder auf den Rückweg. Unterwegs halten wir für unser Mittagessen am idyllisch gelegenen Otto-Lake-Campground, der um diese Jahreszeit allerdings auch schon geschlossen hat (hätte uns auch sehr gewundert, wenn es anders gewesen wäre). Auf unserer Weiterfahrt am frühen Nachmittag entschließen wir uns, heute noch einmal im Bereich des Denali-Park zu bleiben, da es für eine Fahrt auf dem Denali-Highway heute doch zu spät geworden ist. Wir reservieren einen Stellplatz auf dem gleich am Parkeingang gelegenen Riley-Creek-Campground (10 Dollar) und fahren dann noch einmal zurück zum McKinley Village, einem total touristisch aufgemachten Örtchen direkt am Highway. Hotels, Cabins und Campground liegen unmittelbar an der viel befahrenen Straße. Wir finden es hier fürchterlich, obwohl bis auf wenige Unterkünfte und einen kleinen Supermarkt schon alles hier geschlossen hat. Aber wir fragen uns, wie es hier wohl im Sommer aussehen mag. Da kann man vor lauter Touristen wahrscheinlich keinen Fuß mehr vor den anderen setzen. Obwohl Vieles hier schon geschlossen ist, sind wir froh, in dieser ruhigen Jahreszeit hier zu sein. Am Supermarkt fällt mein Blick auf einen dort angehefteten Zettel: "Cabin, voll eingerichtet, Elektrizität und Telefon mit wundervollem Ausblick auf die Berge in der Zeit von Oktober bis Mai für 300 Dollar/Monat zu vermieten". Das wäre es doch! Ein traumhaftes Angebot, das ich am liebsten sofort annehmen würde. Aber da wäre ja noch mein Chef, der dabei auch ein Wörtchen mitzureden hätte...
Als wir abends im gemütlichen Wohnmobil sitzen und unsere Route für den nächsten Tag planen, sind es nur nur knapp über 0°, und der Himmel hat sich völlig zugezogen.



Sonntag, 17.9.00
- 149 Meilen = 238 km-

Heute ist es schon gegen 6.00 Uhr, als wir uns aus unseren warmen Schlafsäcken schälen. Beim Blick nach draußen können wir es erst einmal nicht fassen: Es schneit! Bei dampfendem Kaffee und Kakao genießen wir unser Frühstück mit Blick auf den rieselnden Schnee mitten im Wald. Wir fragen uns, ob wir bei dieser Witterung den Denali-Highway heute überhaupt noch befahren können. Es soll schon bei völlig normalen Wetterverhältnissen nicht so ganz einfach sein, da es sich um eine 215 km lange
Schotterstraße handelt, die nur im Osten auf einer Länge von 34 km asphaltiert ist. Im Schneetreiben fahren wir zur nahegelegenen Dumpstation, dumpen und füllen Wasser auf und fahren dann noch einmal zum Infocenter um zu sehen, wie der Wetterbericht ausfällt. Dort fällt unser Blick auf ein Schild: Die Straße in den Park ist nach 3 km wegen Schneefall komplett gesperrt! Da hatten wir ja noch mal Glück, dass wir gestern noch bis hierher gefahren sind, denn heute säßen wir erst mal da oben auf dem Teklanika Campground fest. Die Wetteraussichten für die nächsten Tage sind gar nicht so schlecht, wie wir zunächst befürchtet hatten. Schon gegen Mittag soll es aufklaren und ab morgen nur noch vereinzelte Bewölkung geben. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wie der Zustand des Denali-Highways ist und ob wir bis Paxson auf der anderen Seite fahren können.

In Cantwell, wo wir vom Georg Parks Hwy. abbiegen müssen, tanken wir noch einmal auf. Da wir in den letzten beiden Tagen wegen der ständig laufenden Heizung einiges an Gas verbraucht haben, wollen wir das auch hier nachtanken. Wegen fehlenden Personals ist das hier sonntags aber angeblich nicht möglich. So müssen wir hoffen, dass wir mit der restlichen Gasfüllung (die Anzeige zeigt noch etwa ein Viertel an) bis zur nächsten Tankmöglichkeit kommen. Dann beginnt unsere Fahrt auf der angeblichen "Traumstraße". Schon nach wenigen Kilometern haben wir auf der zunächst noch asphaltierten Straße einen phantastischen Ausblick auf das hinter uns liegende Denali-Gebirge. Mittlerweile haben auch die Niederschläge aufgehört, es ist sonnig geworden. Die Gravelroad geht weiter durch ein schönes Gebirgspanorama. Hier ist es auch nicht mehr so kalt wie oben am Denali. Tief unten im Tal fließt der Nenana-River, der in der nahen Alaska-Range entspringt und in den Yukon fließt. Dann erreichen wir ein Plateau mit Blick auf den Susitna-River. Wir haben eine Wasserscheide erreicht. Der Nenana-River strömt in den Yukon und damit ins Bering-Meer, während der Susitna-River ins Cook Inlet und damit in den Pazifik fließt. Wir haben einen fast gänzlich freien Blick auf die Alaska Range mit zahlreichen und riesigen Gletscherregionen. Im übrigen sieht die Vegetation hier oben ziemlich trist aus: herbstlich braune und fast gänzlich blätterlose Sträucher, dazwischen immer wieder Ebenen mit rötlich braunen Beerensträuchern, an denen wir noch einige köstlich schmeckende Blaubeeren finden. Nach ca. 50 Meilen erreichen wir auf der Rumpelstrecke (nichts für Bandscheibengeschädigte) die winzig kleine Ortschaft Gracious House, die aus einer Lodge, einigen Cabins und Tankmöglichkeit besteht. Das Ganze sieht schon etwas verfallen aus. Aber nach einer Fahrt durch die absolute Einsamkeit (wenn man mal davon absieht, dass hier oben sehr viele Jäger unterwegs sind), ist man froh, wenn man dann mal Anzeichen von Menschen sieht. So ergeht es mir jedenfalls auf dieser Strecke. Was mich angeht, so bin ich nicht der Meinung, dass es eine "Traumstraße" ist. Sie ist zwar sehr schön, aber da gibt es weitaus schönere Strecken, die die Bezeichnung "Traumstraße" verdienen. Mürbe macht mich allmählich auch die fürchterliche Rumpelei auf der Schotterstrecke. In den Schränken hüpft und poltert der Inhalt lautstark durcheinander, und bei manchen Schlaglöchern muss man Angst haben, dass das Mobiliar aus der Verankerung gerissen wird. Wir passieren dann eine große Holzbrücke über den Susitna-River. Hier pfeift der Wind dermaßen über die Sandbänke im Flussbett, dass man meilenweit riesige Staubfahnen sehen kann. Die Landschaft wird in dieser Gegend immer trister und besteht bald nur noch aus kahlen Berghängen und verdörrten Sträuchern. Als wir den 1.245 m hohen McLaren Summit erreichen, ist um uns herum alles mit Schnee bedeckt. Nach uns unendlich erscheinenden 115 Meilen erreichen wir dann endlich den Tangle Lakes Campground, der idyllisch eingebettet in einer flachen Felslandschaft liegt. Der auch hier um den Camper pfeifende Wind ist eiskalt, so dass wir uns einen Spaziergang zum See heute abend verkneifen. Auf der gesamten Strecke hierher haben wir kein einziges Tier gesehen. Was uns allerdings bisher positiv aufgefallen ist, dass es in Alaska im Gegensatz zu Kanada keine vorherrschende Holzindustrie gibt. Bis jetzt haben wir noch keine kahlgeschlagenen Berghänge gesehen. Müde und geschafft von der Holperstrecke liegen wir bald in unseren Betten, während draußen der Wind um unsere Behausung pfeift.



Montag, 18.9.00 - 41.373 Miles -
-199 Meilen = 318 km -

Heute Morgen bin ich als Erste wach und lese noch ein wenig, bevor der "Herr des Hauses" dann auch endlich seine Augen aufschlägt. Beide genießen wir den Sonnenaufgang über dem See. Der Himmel ist blankgeputzt. Mit anderen Worten: Wir haben mal wieder traumhaftes Wetter. Draußen sind alle Pfützen des Campgrounds dick zugefroren. Das hält uns aber nicht davon ab, in der Morgensonne einen kleinen Spaziergang zum See zu machen. Mit uns stehen noch ein anderes Wohnmobil und ein Camper mit Zelt hier. Wenig später fahren wir unserem nächsten Ziel entgegen. Wir halten wegen phantastischer Ausblicke hinter jeder Ecke (dies ist wirklich der schönste Abschnitt der ganzen Strecke, finden wir), um Fotos und Filmaufnahmen zu machen. Das Panorama ist einfach überwältigend. Noch viel mehr sind wir aber von der fast absoluten Stille um uns herum fasziniert. Es ist einfach "Nichts" zu hören, bis sich ein Auto in weiter Ferne mit Motorbrummen bemerkbar macht. Teilweise ähnelt die Landschaft hier der von Neuseeland am Mount Cook. Durch unsere zahlreichen Stops kommen wir kaum von der Stelle. Auf einer weiten Hochebenen sehen wir dann plötzlich eine große Karibuherde, die durch die Gegend streift. Leider sind die Jäger auch schon hier, und durch das Fernglas muss ich mit ansehen, wie einer von ihnen ein soeben abgeschossenes Tier abtransportiert.

Inzwischen ist die Gravelroad nur wenige Meter hinter unserem letzten Übernachtungsplatz wieder in eine Asphaltstraße übergegangen. Wir sind unmittelbar vor dem kleinen Ort Paxson. Die Straße geht immer weiter bergab, und hinter der nächsten Kurve fahren wir plötzlich durch einen dichten dunklen Wald, und auch die Farbenpracht der Blätter nimmt wieder zu. Die Natur sieht hier aus, wie vergangenen Herbst im Yukon. Die Landschaft mit ihren herbstlich goldenen Blättern macht den Eindruck, als hätte jemand Honig in sämtlichen Schattierungen über sie gegossen. Bald haben wir die Kreuzung erreicht und biegen auf den Richardson Highway Richtung Süden ab. Die Straße schlängelt sich eine Zeitlang durch ein Waldgebiet am traumhaft gelegenen 11 Meilen langen Paxson Lake entlang. Auf dem wunderschön gelegenen dortigen Campground, dessen Stellplätze uns riesengroß erscheinen und weit auseinander liegen, machen wir eine kurze Rast und nutzen die Möglichkeit zum Dumpen. Auf den wirklich groß dimensionierten Stellplätzen hat man das Gefühl, ein kleiner Waldbesitzer zu sein. Der nächste Nachbar ist bei dichtem Baumbestand kaum auszumachen. Am Meyers Lake tanken wir auf und wollen Gas nachfüllen. Mit dem Gasauffüllen gibt es zuerst Probleme, da der Kassierer hinter der Kasse mit seinem dicken Kugelbauch und kurzärmeligen T-Shirt (immerhin sind auch hier die Pfützen noch gefroren!) zunächst offensichtlich keine Lust dazu hat. Erst als sich sein Kompagnon einschaltet, klappt es plötzlich. Als wir nach Wasser fragen, dann die nächste Hürde. Wasser zum Nachfüllen gibt es angeblich hier in der gesamten Gegend nicht, höchstens in Glennalen oder Valdez, wo wir heute noch hinwollen. Auf meine Frage, ob er den wenigstens Briefmarken habe (ich wollte eigentlich noch eine Karte verschicken), dann sein nächstes kategorisches "Nein", Briefmarken gäbe es hier nur dienstags und donnerstags, wenn jemand von der Poststelle hier wäre. Ich muss schon sagen, ein wirklich gastlicher Ort, dieser Meyers Lake! Wir sehen jedenfalls zu, dass wir hier schleunigst wegkommen. Unsere Traumreise bei Traumwetter geht weiter Richtung Süden. Die Bilderbuchlandschaft gleicht der am Cassiar Highway: eine bunte Herbstlandschaft in allen Schattierungen unterbrochen von dichten grünen Wäldern und zahlreichen Seen. Zwischen all dem blitzt an manchen Stellen hier dann auch die Alaska-Pipeline durch das Grün der Wälder. Auf dem Sourdough Campground, der gerade winterfest gemacht wird, verbringen wir unsere Mittagspause, bevor es weiter geht. Immer wieder werden wir zu kurzen Fotostops verführt. Der Richardson Hwy. ist kaum befahren, was uns doch sehr wundert. Wir hatten hier mit wesentlich mehr Verkehr gerechnet. Aber es soll uns nur Recht sein. Am Horizont tauchen die mit einer dicken Schneekappe überzogenen Gipfel der Wrangel-St. Elias-Mountains auf. In Gulkana kreuzen sich der Glenn- und Richardson Hwy. Wir fahren zunächst auf den Glenn Hwy. nach Glennalen und füllen an einem RV-Park gegen eine Gebühr von 3 Dollar unsere Wasservorräte auf, bevor es wieder zurück auf den Richardson Hwy. in Richtung Valdez geht. Mittlerweile reicht die Bezeichnung "Traumstraße" hierfür fast schon nicht mehr aus. Es ist nicht nur die farbenprächtige Laubfärbung, die Begeisterung hervorruft. Die Eisriesen der nahen Wrangel Mountains tauchen hinter einer Kurve auf. Sie sehen aus wie riesige Puderzuckerberge, die man einfach in die flache Landschaft gesiebt hat.. Einen besonders schönen Rundblick hat man vom Parkplatz des Willow Lake, von wo aus man die 4.000 - 5.000 m hohen Riesenberge bestaunen kann. Im Visitor-Infocenter vom Copper Center erzählt man uns, dass das heutige Wetter das beste seit langem sei. Auf dem weiteren Weg nach Valdez jagt ein landschaftlicher Höhepunkt den nächsten. Einen letzten Halt machen wir dann noch am Worthington-Gletscher, den man schon von weitem von der Straße aus sieht. Dann geht es noch über den 816 m hohen Thompson Pass, auf dem laut Reiseführer im Winter gewaltige Schneemassen aufgrund der Pazifiknähe niedergehen sollen, und dann ist für heute Schluss mit der Fahrerei. Wir bleiben auf dem Blueberry Lake Campground stehen, der mitten zwischen den baumlosen Küstenbergen liegt. Hier haben wir das Gefühl, in den Alpen zu sein. Mit uns stehen nur noch drei andere Fahrzeuge hier oben.



Dienstag, 19.9.00
- 75 Meilen = 120 km -

Als wir heute morgen aufstehen, ist es bewölkt, und die Sonne kommt nur kurz zum Vorschein. Gestern haben wir auf unserer Fahrt hierher wohl ein Riesenglück mit dem Wetter gehabt. Nach dem Frühstück geht es los ins nur noch 24 Meilen entfernte Valdez. Die breit ausgebaute Straße führt von unserem Campground immer bergab durch eine alpenähnliche Landschaft. An einer Baustelle macht uns das Stop-Girl auf Bären am Hang aufmerksam. Man sieht sie leider nur durch das Fernglas. Tatsächlich grasen hochoben auf einem Hang mit Beerensträuchern eine Bärenmama mit zwei Jungen und zwei größere Bären. Es scheint sich allesamt um Schwarzbären zu handeln. Als wir nach der Weiterfahrt wenige Zeit später Valdez erreichen, fahren wir zuerst einmal zum Marineterminal, wo die von der Proudhoe-Bay beginnende Alaska-Pipeline nach über 800 Meilen endet und das bis hierher transportierte Öl in großen Tankschiffen verladen wird. In der Hauptsaison kann man hier Führungen mitmachen, aber um diese Zeit ist das natürlich nicht mehr möglich. Am Eingang zum Terminal stehen große Schautafeln mit der Geschichte der Pipeline, sowie über das Beladen der Tanker. Auch auf Sicherheitsvorkehrungen wird groß hingewiesen, die dazu dienen sollen, dass sich das große Tankerunglück der "Exon Valdez" vom 23. März 1989 nicht mehr wiederholen kann. Dann fahren wir in die kleine Stadt Valdez mit ihren 4.000 Einwohnern, eine typische Hafenstadt. Unmittelbar vor dem Ort mündet ein kleiner unscheinbarer Bach in den Fjord, der voller laichender Lachse ist. Man hat hier eine Holzplattform gebaut, von der man das Schauspiel betrachten kann. Am geschlossenen Fähranleger wird auf einem Zettel darauf hingewiesen, dass die letzte Fähre nach Whittier übermorgen hier ablegt (die Überfahrt dauert 6,5 Stunden). Ein Wohnmobil (20 - 21 Fuß) würde 110 Dollar kosten, pro Person dann noch einmal 59 Dollar. Das ist ja auch nicht gerade preiswert. Wir wollen lieber den großartigen Richardson Hwy. zurückfahren und dann über den Glenn Hwy. nach Anchorage und weiter auf die Kenai-Halbinsel. Heute machen wir mal vom Kochen Pause und gehen Mittagessen, was sich für mich als großer Fehler erweist. Offensichtlich habe ich in meinem Essen Mehl gehabt und hinterher arge Probleme. Wir tätigen noch einen kleinen Einkauf im Supermarkt und begeben uns dann ins Visitor- Center. Dort hängt der aktuelle Wetterbericht: Morgen soll es noch einmal schön bleiben, aber ab Donnerstag dann regnen! Anschließend verbringen wir noch längere Zeit im äußerst interessanten Museum von Valdez, wo die Geschichte der Stadt einschließlich Goldgräberzeit und dem Erdbeben von 1964 anschaulich dargestellt ist. Mittlerweile ist es 18 Uhr geworden, und wir fahren noch zum kleinen Airport, wo gerade eine Convair 580 Maschine nach Anchorage startet.

Dann geht es zurück zum Blueberry Campground. Heute stehen hier nur zwei Zelte. Auf der Fahrt zum Campground fällt mir aus unerklärlichen Gründen ein kleiner Pickup auf, der erst vor uns herfährt, dann in ein Baucamp einbiegt und wenig später wieder auf die Straße zurückkommt. Dieser Wagen steht dann auf der unteren Zufahrtsstraße zum Blueberry Lake. Die Camper vom zweiten Zelt sind gerade dabei, unter dem Dach der Schutzhütte ihr Abendessen zu kochen. Wir stellen uns auf den gleichen Platz wie gestern. Und dann ereignet sich wenige Minuten später etwas, was mein bisheriges Bild von Kanada und Alaska ins Wanken bringt. Wir haben uns kaum auf den Platz gestellt, da sehen wir einen Mann und eine Frau auf dem Weg vor unserem Wohnmobil herspazieren. Er trägt ein Jagdgewehr über der rechten Schulter. Ich denke noch flüchtig: "Ist ja irgendwie komisch", während Horst sich auf einmal wieder seine Jacke anzieht mit der Bemerkung, er ginge noch ein wenig spazieren. Wenig später kommt er wieder und meint, die Beiden wären aber seltsam gewesen. Der Mann wäre gerade aus dem Gebüsch gekommen mit einer blauen Plastikplane unter dem Arm und habe offensichtlich das Zelt abgebrochen. Auf seine Frage, ob er Jäger sei, habe der Mann grinsend geantwortet, er sei auf Bärenjagd. Wir essen erst einmal zu Abend und brechen dann noch einmal zu einem kurzen Abendspaziergang auf. Auf den gezackten Bergspitzen, die aussehen wie die Dolomiten, sind gerade noch die letzten rötlichen Sonnenstrahlen zu sehen. Mit ist es zu kalt, und so trolle ich mich lieber zurück ins Warme, um dort in Ruhe mein Tagebuch zu schreiben. Kurz bevor ich den Camper erreiche, kommt ein junger Mann auf mich zu (offensichtlich einer der Zelter) und fragt mich, ob wir hier schon lange stehen und ob ich etwas über das andere Zelt wüsste. Nein, weiß ich leider nicht. Kurze Zeit später kommt Horst dann auch und erzählt mir, was passiert ist. Während die beiden Zelter ihr Essen gekocht haben, hat jemand ihr Zelt gestohlen. Nun haben sie weder ein Dach über dem Kopf, noch Schlafsäcke oder sonst was. Horst ist sofort davon überzeugt, dass das der Mensch mit dem Gewehr war, der so auffallend hastig mit dieser Plane aus dem Gebüsch kam und sich dann sehr schnell vom Campground entfernte. Schon allein die Tatsache, dass jemand (verbotenerweise) mit einem Gewehr über einen Campingplatz geht, hätte uns stutzig werden lassen müssen. Aber was hätten wir denn gegen jemanden mit einem Gewehr ausrichten können? Nichts! Im Gegenteil, bei der Vorstellung, was hätte passieren können, wird es mir ganz anders. Die beiden Zelter haben inzwischen ihr Auto geholt und sich zu den anderen beiden jungen Leuten auf den Platz gestellt und ein Lagerfeuer entfacht. Da wir unsere eigenen Schlafsäcke mitgebracht haben, sind die von der Vermietstation noch übrig, und wir bieten sie den beiden bestohlenen Campern an. Sie können sie uns ja morgen früh wieder zurückgeben. Dankend lehnen sie ab. Die beiden anderen haben wohl noch Decken dabei, und sie werden im Auto übernachten und morgen früh zur Polizei fahren. Ich bezweifel, ob sie da noch etwas ausrichten können. Sie erzählen uns, dass sie nun schon vier Monate lang kreuz und quer durch Alaska reisen, aber so etwas wie heute sei ihnen noch nirgendwo passiert. Auch ich hatte mich in all den bisherigen Kanada-Urlauben immer sicher gefühlt. Damit ist es jetzt auf einmal vorbei, und ich werde wohl eine ziemlich unruhige Nacht verbringen. Was mich beunruhigt, ist das Gewehr. Wenn das nicht gewesen wäre, wäre mir bestimmt auch nicht so mulmig. Dabei ist dieser Campground hier oben in den Bergen so ein wundervoller Platz! Wir wollen uns gerade in unsere Schlafsäcke einrollen, da klopft es leise an der Tür. Ich habe nur einen Gedanken: Der Mann mit dem Gewehr, und jetzt ist unser Wohnmobil auch noch futsch! Horst öffnet vorsichtig die hintereTür, und draußen stehen die beiden jungen Frauen vom Platz neben uns, die uns fragen, ob wir sie morgen früh vielleicht nach Anchorage mitnehmen würden. Als wir ihnen sagen, dass wir morgen mit Sicherheit noch nicht in Anchorage sein werden (wir wollen uns für den Glenn-Hwy. Zeit nehmen und unterwegs irgendwo übernachten), wollen sie es sich noch einmal überlegen und gehen zu den anderen zurück. Wir hören sie noch lange in der Dunkelheit reden und Musik
machen. Die haben Nerven! Meine liegen jedenfalls für den Rest des Abends blank. Gegen 22.30 Uhr kommt im Stockfinsteren noch ein Wohnmobil mit aufgeblendeten Scheinwerfern im Schneckentempo über den Platz gefahren. Leute mit Taschenlampen steigen aus und suchen das Gebüsch und die beiden nächstgelegenen Stellplätze ab. Ich beobachte das Ganze argwöhnisch aus meinem Alkovenfenster und möchte am liebsten weg von hier. Und dann meint mein Göttergatte, es wäre bestimmt besser, wenn wir noch eine Stunde Wache hielten, dreht sich herum und schnarcht tief und fest vor sich hin....Bei dem angekommenen Wohnmobil scheint es sich aber wirklich um harmlose Camper zu handeln. Sie stellen ihr Wohnmobil auf einen Stellplatz, und dann herrscht Ruhe. Meine Güte, was war das für ein Tag! So schnell werde ich den nicht vergessen.

MAI   2013

Polarlicht Alaska / Kanada
Polarlicht Norwegen