Mittwoch, 14.6.95 - 14.712 km
- Jasper, Maligne Canyon, Miete Hot Springs
Gestern Abend hat es noch wie aus Eimern gegossen. Aber heute morgen verziehen sich schon beim Frühstück die Wolken, und schon scheint wieder die Sonne. Wir haben unser Frühstück genossen und noch lange mit unseren beiden Wirtsleuten geplaudert. Sie haben für uns für zwei Tage in der Baker Creek Lodge in der Nähe von Lake Louise ein Häuschen reserviert.
Es fällt uns schwer, von hier abzureisen. Die beiden leben eigentlich so, wie wir uns das immer vorgestellt haben. Wahrscheinlich ist auch deshalb der Abschied nicht so leicht. Auch mein neuer Freund Snow guckt ganz traurig, als wir endlich gegen 11.00 Uhr abfahrbereit sind. Gegen Mittag sind wir in Jasper und fahren wir zu unserer nächsten Unterkunft und checken schon mal ein. Das Tekarra Resort liegt außerhalb von Jasper ruhig und mitten im Wald oberhalb eines Zusammenflusses zweier Gebirgsflüsse. Von hier oben hat man eine tolle Aussicht auf das Flusstal unter uns. Überall stehen Tische und Bänke, von denen man die herrliche Aussicht genießen kann. Unser Holzhaus ist urgemütlich mit offenem Kamin und ähnelt der Ausstattung nach einer Schiffskajüte. In unserer Begeisterung fällt uns zunächst gar nicht auf, dass das winzige Bad kein Waschbecken hat. Als wir es endlich bemerken, fällt uns gleich wieder das Wohnmobil von Neuseeland ein, in dem es auch keines gab. Nach unserem Einzug fahren wir wieder los und besichtigen den Maligne Canyon mit seinen faszinierenden Schluchten und Wasserfällen. Wir sind froh, dass der Weg teilweise durch den Wald verläuft, denn es ist sehr warm. Gegen 19.00 Uhr sind wir an den von Jasper aus ca. 50 km entfernten Miete Hot Springs. Hiervon sind wir dann doch enttäuscht, denn wir haben etwas Ähnliches wie in Roturua erwartet. Das Einzige, was man hier besichtigen kann, ist eine winzige heiße Quelle. Ansonsten gibt es hier nur ein öffentliches Thermalbad. Wir halten uns deshalb auch nicht allzu lange auf und machen uns schon bald wieder auf den Rückweg. Dann kommt die Krönung des Tages: Wenige Meter vor unserem Auto überqueren zwei mittelgroße Bären die Straße und fressen auf der anderen Böschung ca. 2 m von unserem Auto entfernt in aller Seelenruhe weiter! So schnell sind wir bisher noch nie mit dem Fotoapparat gewesen. Wenn ich meine Autotür öffnen würde, könnte ich Meister Petz anfassen, so nahe kommt er unserem Auto. Noch Stunden später sind wir von diesem Ereignis begeistert.
Während ich in unserem gemütlichen Häuschen Tagebuch schreibe, wird nebenan der Kamin angestocht (es sind zwei Hütten versetzt aneinander gebaut). Prompt geht bei den Nachbarn der Feuermelder los. Als ich ins Badezimmer gehe, riecht es dort wie in einer Räucherkammer. Die Isolation scheint hier auch nicht die beste zu sein. Wir lassen die ganze Nacht ein Fenster offen, da es sonst ziemlich verräuchert riecht.
Donnerstag, 15.6.95 - 14.999 km
- Jasper, Athabasca Falls, Sunwapta Falls, Mount Edith Cavell
Mit Blick auf einen von der Sonne angestrahlten Berg sitze ich am Küchenfenster unseres Knusperhäuschens und schreibe mein Tagebuch fertig.
Heute fahren wir über den alten Highway 93 a zu den Athabasca-Fällen. Unterwegs kommen wir an wunderschönen Rastplätzen am Flussufer vorbei. Auf dem Parkplatz an den Fällen ist schon die Hölle los. Wie mag es hier wohl erst zur Hauptreisezeit aussehen? Die Wasserfälle selbst sind wie alle anderen imposant und rauschen mit donnerndem Getöse durch einen engen Canyon. Wir fahren dann weiter zum nächsten Wasserfall (Sunwapta-Falls), der zwar auch sehr schön, aber nicht so beeindruckend ist. Vor den Sunwapta-Falls machen wir noch einen kurzen Stop an einem Lookout, von dem man das Athabasca-Tal überblicken kann. Hier treffen wir auf ein deutsches Ehepaar aus Rüsselsheim, die fünf Wochen mit dem Wohnmobil unterwegs sind. Sie sind in San Francisco gestartet, und die Rockys sind nun ihre letzte Etappe. Sie haben ein 25 Fuß großes Wohnmobil, das wir besichtigen dürfen. Es ist zwar sehr gut ausgestattet mit separater Dusche und Toilette, Schlafzimmer, Mikrowelle usw. Aber mit diesem Ungetüm möchten wir unser Auto gar nicht tauschen. Die beiden bestätigen unsere Vermutung, dass es erheblich mehr große als kleine Wohnmobile gibt und man von den Vermietstationen einfach ein größeres bekommt, was man gar nicht gebucht hat.
Auf unserem Rückweg nach Jasper fahren wir ungefähr 12 km eine kleine Bergstraße zum Mount Edith hoch. Mittlerweile regnet es ziemlich stark, so dass wir vorerst gar nicht aussteigen können. Dann wird es besser, und wir machen uns auf zum Fuß des Mount Edith Gletschers. In den riesigen Geröllhalden ringsum haben sich überall kleine Tannen und Büsche angesiedelt. Als wir ein kleines Schneefeld überqueren müssen, kann ich mir natürlich eine kleine Schneeballschlacht nicht verkneifen.
Wieder in Jasper angekommen, füllen wir unsere Vorräte auf und bummeln noch etwas durch den Ort. Auf dem Weg zurück zu unserer Hütte machen wir noch einen kleinen Abstecher zum Lake Beauvert, einem grün-blauen glasklaren See, an dessen Ufer mit eigenem Golfplatz die Jasper-Park-Lodge liegt. Zurückgekehrt in unser Knusperhäuschen genießen wir noch den Ausblick auf die herrliche Flusslandschaft und die Berge im Abendlicht. Während Horst seinen Koffer neu packt, schreibe ich Tagebuch, denn sonst komme ich kaum dazu. Vorhin haben wir noch in Golden (70 km von Banff entfernt) unser Quartier für Sonntag und Montag reserviert. Dann haben wir noch neun volle Tage Zeit, um von den Rocky Mountains zurück nach Vancouver zu fahren.
Freitag, 16.6.95
- Jasper
Heute hat mich leider mal wieder die Migräne im Griff, nichts geht mehr! Mit sehr viel Glück bekommen wir eine andere Hütte, denn unsere ist für heute schon reserviert. Horst geht zum Essen in den Ort und sieht auf dem Rückweg kurz vor unserem Ressort einen Coyoten über die Straße huschen. Unser für heute gebuchtes Chalet in Lake Louise müssen wir stornieren (und wie sich später herausstellt, trotzdem bezahlen, da sie es angeblich nicht vermieten konnten).
Samstag, 17.6.95 - 15.150 km
- Icefield Parkway, Columbia Icefield, Bow Lake, Lake Louise
Ich stehe wieder auf den Beinen, so dass wir gegen 10.00 Uhr losfahren können. Heute morgen hängen die Wolken ziemlich tief, so dass wir auf dem Icefield Parkway wohl nicht allzu viel sehen werden. Zwischendurch regnet es immer mal wieder. Je weiter wir nach Süden kommen, um so imposanter wird die Landschaft. Die Schneefelder auf den umliegenden Bergen werden immer dicker, und vereinzelt liegen die Schneereste noch bis zum Straßenrand. Am Columbia Icefield halten wir an. Es scheint fast völlig in japanischer Hand zu sein. Ganze Busse voll werden herangekarrt und in die Icefield-Busse verfrachtet. Das teure Vergnügen, mit einem solchen Gefährt über den Gletscher zu fahren, schenken wir uns. Wir steigen statt dessen zu Fuß bis zum Gletscherrand hinauf. Der Berg hinauf ist ziemlich steil, und hier oben ist es bitterkalt. Horst geht noch ein Stück über den Gletscher, während ich hinabsteige. Inzwischen hat es sich auch ein wenig aufgeklart, so dass man mehr vom Eisfeld sehen kann. Als wir weiterfahren, regnet es jedoch schon wieder in Strömen und von der herrlichen Umgebung sieht man nicht mehr viel.
Am Bow Lake, einem wunderschönen blaugrünen Bergsee, können wir vor lauter Regen nicht aussteigen. Nur wenig später ändert sich das Wetter abrupt und sogar die Sonne kommt wieder zwischen den dicken Wolken hervor. Im Informationszentrum des Columbia Icefield-Centers habe ich vorhin gelesen, dass es in dieser Gegend der Rockes Grizzlys geben soll, die man jedoch so gut wie nie zu Gesicht bekommt.
Wir erreichen bald Lake Louise. Den Ort selbst kann man zwischen den vielen Bäumen kaum ausmachen. Nur ganz vereinzelt sieht man Dächer zwischen den Bäumen hervorblitzen. Der Ort selbst ist klein und besteht nur aus wenigen Geschäften und Unterkünften. Wir fahren erst einmal auf dem alten Highway 1a zu unserer Unterkunft, den Baker Creek Chalets. Es sind große komfortable Blockhütten mitten im Wald und direkt am Fluss. Hier sieht es nach "Bärenland" aus, wofür wir mittlerweile ein Auge haben. Unser Chalet ist ein Traum: wir haben ein großes Wohnzimmer mit Balkon, Küchenecke und offenem Kamin und zwei Schlafzimmer sowie ein Bad. Man könnte hier glatt einen kompletten Urlaub verbringen. Die Gegend bietet genügend Abwechslung.
Nach unserem Einzug in unsere komfortable Unterkunft fahren wir in den Ort zurück, um zum Abendessen einzukaufen. Ca. 400 m vor dem Ortskern stehen am Straßenrand zwei Wohnmobile. Auf einem klettert ein Mann mit einer Videokamera herum, die er auf den gegenüberliegenden Hang gerichtet hat. Das ist für uns natürlich "Alarmstufe 1", und wir halten sofort an. Oben am Hang tappt ein großer Bär durchs Gebüsch. Erst beim Blick durch unser Fernglas fällt mir auf, auf welches Exemplar wir da gestoßen sind: es ist ein Grizzly!!! Er hat den für diese Bärenart typischen Buckel im Nacken. In ganz kurzer Zeit ist die breite vierspurige Straße fast gänzlich verstopft. Über 50 Autos, Busse und Wohnmobile halten. Jeder hält sich allerdings im respektvollem Abstand vom friedlich grasenden Bären, der jetzt vielleicht noch 50 - 80 m von uns entfernt ist. Er lässt sich durch das Spektakel, dass sich vor seinen Augen abspielt, gar nicht stören und frisst seelenruhig weiter. Ab und zu hebt er mal den Kopf und schaut zu uns hinunter. Einmal setzt er sich auf sein Hinterteil und kratzt sich ausführlich sein Fell. Im Fernglas sieht man erst, welche riesigen Ausmaße er hat. Ganz langsam kommt er immer weiter den Abhang hinunter, so dass man jetzt seine volle Größe sieht. Vorsichtshalber schließen wir schon mal die Autotür auf und machen unser Auto startbereit, man kann ja nie wissen! Als ein vollbesetzter Touristenbus mit Krach am Berg anfährt, trollt er sich wieder ein Stück den Hang hinauf. Ein Königreich für ein Tele! Horst hat seines nämlich Zuhause gelassen, in dem Glauben, dass er hier sowieso nie einem Bären begegnen würde. Wir hätten keinesfalls damit gerechnet, so nah an der Stadt einem Bären, geschweige denn ausgerechnet einem Grizzly zu begegnen. Langsam löst sich das Blechknäuel auf, und auch wir fahren weiter.
Nach unseren Einkäufen fahren wir noch zum See Lake Louise mit seinem berühmten Hotel "Chateaux Lake Louise". Es liegt tatsächlich in einmaliger Lage am blauen See mit Blick auf den Gletscher. Aber ich möchte trotzdem nicht dagegen unser Blockhaus eintauschen. Außerdem wimmelt es hier oben von Touristen, vor allem wieder Japaner. Morgen früh wollen wir noch einmal hier her und dann einen Spaziergang um den See machen.
In unserer Hütte angekommen, feuern wir unseren Kamin an und genießen unser Abendessen. Wir machen noch einen kleinen Abendspaziergang, wobei wir wenige Meter von unserem Haus entfernt auf Wapiti-Hirsche stoßen. Jetzt fehlt nur noch ein Bär vor der Tür! Es fängt an zu nieseln, und wir ziehen uns vor unseren gemütlichen Kamin zurück.


