Donnerstag, 1.6.95 - 11.705 km
- Parksville, Port Alberni -
Um 5.00 Uhr habe ich ausgeschlafen und schreibe mein Reisetagebuch, während Horst noch schläft. Später frühstücken wir ausgiebig, spülen und packen unsere Sachen, da wir heute Abend umziehen müssen. Die Koffer können wir stehen lassen. Sie werden später in unsere neue Hütte gebracht. An der Rezeption buchen wir für die nächsten zwei Tage ein Hotel in Tofino an der Westküste der Insel. Als heutiges Ziel haben wir uns Port Alberni ausgesucht. Nach ca. 25 km halten wir am Little Qualicum Falls Park, einem wunderschönen Park mit zahlreichen kleinen und großen Wasserfällen. Ich habe dummerweise meine Wanderschuhe im Koffer gelassen, trotzdem laufen wir den Weg am Wasser entlang. Dann geht es weiter nach Port Alberni, eine wie ich finde hässliche kleine Stadt mit ca. 20.000 Einwohnern. Sie liegt tief im Landesinneren an einem Fjord, auf dem Hochseeschiffe bis in den dortigen Hafen fahren können. Ansonsten hat die Stadt nichts Sehenswertes zu bieten.
Unser heutiges Lunchpaket verspeisen wir auf dem nur wenige Kilometer entfernten Campground am Sprout Lake mitten im Wald. Dort sind weit verteilt unter Bäumen Standplätze mit Picknicktischen angelegt. Hier stehen auch einige Zelte. Auf unserem Rückweg muss Horst natürlich unbedingt am Flughafen von Port Alberni vorbeifahren. Dieser liegt mitten im Busch und ist nur auf einer Schotterpiste zu erreichen. Von Flugzeugen ist weit und breit nichts zu sehen. Hinter Port Alberni halten wir am Mc Millen Park, wo einige bis zu 800 Jahre alte und für unsere Begriffe riesige Bäume stehen, die sogar ein verheerendes Feuer vor über 300 Jahren überlebt haben. Man meint, man wäre in einem Urwald. Die einfallenden Sonnenstrahlen verstärken noch diesen Eindruck. Gegen 17.00 Uhr sind wir wieder in unserer Ressortanlage und bekommen für heute Abend die Blockhütte neben unserer vorherigen. Sie ist größer und hat zwei Schlafzimmer.
Freitag, 2.6.95 - 11.856 km
- Port Alberni, Pacific Rim, Tofino -
Bei uns wird es allmählich immer später, bis wir morgens abreisebereit sind, aber das kennen wir ja schon von vorherigen Urlauben. Gegen 9.45 Uhr geht es los. Wir füllen zunächst unsere Kühltasche auf und fahren dann Richtung Tofino. Die Strecke bis Port Alberni kennen wir von unserem gestrigen Ausflug. An den Qualicum Falls geraten wir in einen riesigen Stau, und das mitten in der Wildnis! Seit heute morgen um 7.00 Uhr hat sich hier auf der einzigen Zufahrtsstraße zur Westküste durch einen Unfall eines umgekippten Trucks ein langer Stau gebildet. Nach über einer halben Stunde setzt sich die Schlange ganz langsam in Bewegung. Vor uns steht ein Lieferwagen einer Bäckerei. Der Fahrer steigt aus und bietet den Umstehenden Donuts an. Verhungern brauchten wir zunächst einmal nicht. Nach und nach löst sich der Stau auf, und hinter Albani herrscht dann nur noch wenig Verkehr. Die Berge ringsum sind zum Teil noch dick mit Schnee bedeckt. Gegen 15.00 Uhr erreichen wir die Straßenverbindung an der Westküste. Sie erinnert uns stark an die Westküste der Südinsel Neuseelands. Dichter Regenwald steht rechts und links der Straße. Dieses Gebiet ist eines der regenreichsten des amerikanischen Kontinents. Wir aber haben phantastisches Wetter mit strahlend blauem Himmel, lediglich die Luft ist etwas frischer als auf der anderen Inselseite. Abseits der Straße liegen viele einzelne Häuser versteckt im Wald. Das fällt nur durch die am Straßenrand stehenden Hausnummernschilder auf.
Unsere heutige Unterkunft "Tin Wis" in Tofino liegt direkt am Strand mit Blick auf die Schärenküste: wunderschön! Von unserem Balkon aus haben wir eine traumhafte Sicht auf die Bucht. Wir haben heute ein komfortables riesiges Zimmer mit Gaskamin und in der Küche mit Mikrowelle. Nach dem Auspacken (jeden Tag schleppen wir Koffer und Taschen in unser Quartier), fahren wir nach Tofino, um dort unser Abendessen einzukaufen. Tofino ist ein gemütliches kleines Fischerörtchen, das uns auf Anhieb gefällt. Alleine die Lage und die Aussicht auf Schären und schneebedeckte Berge begeistert uns. Von hier aus kann man Rundflüge mit kleinen Wasserflugzeugen und Whalewatching machen. Nach unserem Abendessen ziehen wir uns wärmer an, da es inzwischen ziemlich frisch geworden ist, und machen einen Strandspaziergang. Direkt neben unserer Hotelanlage liegt in der nächsten kleinen Bucht ein Campground, auf dem mit Blick auf den Strand einige wunderschöne Blockhäuser stehen. Für alle Fälle und für unseren nächsten Urlaub (?) nehmen wir einen Prospekt mit. Später fahren wir nochmals ins nur wenige Kilometer von uns entfernte Tofino. Der Rundflug würde uns natürlich reizen, und Wale haben wir auch noch nie gesehen. Am kleinen Hafen hängt die Wettervorhersage für morgen aus. Sie sagt vereinzelte Regenschauer voraus. Wir spazieren durch den Ort und kommen immer mehr zu der Überzeugung, dass wir hier den Rest unseres Lebens in einem Blockhaus verbringen könnten! In unserem Zimmer genießen wir dann noch am Kamin den schönen Blick aufs Wasser und liegen gegen 22.00 Uhr geschafft im Bett.
Samstag, 3.6.95
- Tofino, Whalewatching
Kurz nach 7.00 Uhr sitzen wir schon beim Frühstück und freuen uns, dass der Himmel immer noch so blau wie gestern ist. Es ist zwar frisch, aber dagegen kann man sich ja anziehen.
Gegen 10.00 Uhr fahren wir nach Tofino. Das Wetter ist phantastisch, und so buchen wir kurz entschlossen einen Rundflug für 122 Dollar mit einem kleinen Wasserflugzeug (ich muss verrückt sein!). Schon das Einsteigen auf dem schaukelnden Wasser ist leicht abenteuerlich und ich frage mich, wie der "Vogel" wohl überhaupt in die Luft kommt. Nur die ersten Flugminuten ist mir mulmig, dann aber genieße ich den wunderschönen Flug. In einer kleinen Bucht sehen wir fünf Grauwale und fliegen über einige Seelöwenkolonien. Der Flug dauert insgesamt 25 Minuten, die viel zu schnell vorbei sind. Nach unserem Ausflug in die Lüfte fahren wir zurück ins Hotel, um noch um einen Tag zu verlängern. Wenn wir so weitermachen, kommen wir in den vier Wochen, die wir für unsere Reise haben, kaum von der Stelle, vielleicht noch nicht einmal von der Insel runter. Wir hätten aber auch nie gedacht, dass es hier so schön sein würde. Man braucht eben Zeit, um auch etwas von der Gegend zu sehen. Alleine auf Vancouver Island könnte man einen ganzen Urlaub verbringen. Um unsere Nerven für den heutigen Tag noch etwas zu strapazieren, melden wir uns für 12.00 Uhr für eine Whalewatching-Tour an (man gönnt sich ja sonst nichts!). Mittags geht's dann los. Zuvor werden wir (insgesamt sechs Leute) in dicke rote Ölklamotten gesteckt und besteigen dann ein kleines Schlauchboot. Wir wollen doch nur Wale gucken! Kurze Zeit später wird uns dann der Sinn des Ölzeugs klar. Auf dem Wasser ist es bitterkalt, und wir sind froh, dass wir die dicken Sachen anhaben. Wir brausen über die Wellen an einsam gelegenen Häusern vorbei zu der Stelle, an der wir heute morgen vom Flugzeug aus die Wale gesehen haben. Unterwegs sehen wir mehrere Weißkopfseeadler und sogar ein Nest mit einem Jungtier. Dann kommt der erste Wal in Sicht und ist im nächsten Augenblick auch schon wieder verschwunden. Es ist nahezu unmöglich, ihn zu fotografieren, da er immer an Stellen auftaucht, an dem man ihn am wenigsten vermutet. In der Bucht liegen mehrere Boote, deren Besatzung fasziniert das Naturschauspiel verfolgt. Zwei Kanufahrer fahren ziemlich dicht an die Tiere heran. Zum Glück passiert nichts. Die Wale nehmen keine Notiz von ihnen. Auf unserer Rückfahrt zum Anlegesteg fahren wir am Leuchtturm und an einer kleinen Seelöwenkolonie vorbei. Die niedlichen Tierchen gucken uns aus dem Wasser mit ihren lustigen Knopfaugen an, um dann blitzschnell abzutauchen. Als wir nach fast 2 1/2stündiger Fahrt wieder anlegen, hat sich der Himmel fast ganz bewölkt. Der Wetterbericht scheint leider doch Recht zu behalten.
Im Hotel planen wir dann noch die Route für die nächsten Tage. Am nächsten Donnerstag wollen wir in Port Hardy sein, um mit der Fähre durch die Inside-Passage nach Prince Rupert überzusetzen. Sie fährt von Vancouver Island aus nur alle zwei Tage, und wir müssen sie erreichen, um noch Zeit genug für die Rocky Mountains zu haben. Abends ist es ganz bewölkt, und es fängt leicht an zu nieseln.
Sonntag, 4.6.95 - 12.067 km
- Tofino, Ucluelet
Es gießt wie aus Eimern, und in der Bucht kann man kaum die Inseln sehen. Von Mitternacht bis heute morgen um 9.00 Uhr läuft der in der Nähe unseres Zimmers gelegene Generator, weil an der gesamten Küste Arbeiten am Stromnetz durchgeführt werden. Unser Frühstück müssen wir heute am Kamin mit Blick auf den strömenden Regen "genießen". Gegen 11.00 Uhr machen wir uns auf den Weg nach Ucluelet. Mittlerweile hat der Regen aufgehört, und wir laufen zum Hafen, wo ein Hotelschiff liegt. Ucluelet gefällt uns im Gegensatz zu Tofino längst nicht so gut. Auf dem Rückweg nach Tofino halten wir auf einem Parkplatz am Regenwald und machen einen Spaziergang durch den Wald, der genauso gut in Neuseeland wachsen könnte. Eigentlich wollte ich in Tofino für heute Abend frisch geräucherten Lachs kaufen, aber das Geschäft hat leider geschlossen. Wir überlegen, ob wir für Donnerstag die Fähre reservieren sollen. Das Wetter soll laut im Hafen aushängendem Wetterbericht bis Mittwoch wieder besser werden.
Montag, 5.6.95 - 12.165 km
- Port Alberni, Campbell River
Als wir heute morgen aufstehen, lacht uns blauer Himmel entgegen. Wir haben strahlenden Sonnenschein, aber es ist ziemlich frisch. Beim Beladen unseres Autos kommt uns plötzlich eine norwegische Waldkatze durch unsere offene Zimmertür besuchen. Sie scheint sich äußerst wohl bei uns zu fühlen und will gar nicht wieder raus. Gegen 9.45 Uhr sind wir heute abreisebereit. Unseren erforderlichen Lebensmitteleinkauf tätigen wir in Albani. Dann geht es weiter über Qualicum Beach in Richtung Highway Nr. 19. Die vielen Autos und zahlreichen Trucks stören uns sehr. Gegen Mittag fahren wir vom Highway rechts ab und landen an einem kleinen Hafen, wo wir unser Lunchpaket verspeisen. Dann geht es weiter Richtung Norden nach Campbell River. Das Motel, das wir uns in unserem Unterkunftsverzeichnis ausgesucht hatten gefällt uns nicht, und so fahren wir weiter. Wir biegen vom Highway ab auf die Straße Nr. 28 nach Goldriver und finden nach wenigen Kilometern eine Hütte in traumhafter Lage direkt am Ufer des Campbell Rivers. Die Hütteneinrichtung ist zwar sehr sauber, aber leider etwas verwohnt. Dafür werden wir aber durch die einmalige Lage entschädigt. Im Office wollen wir für Donnerstag einen Platz auf der Fähre buchen, aber es heißt nur: ausgebucht! Erst am Samstag können wir mitfahren.
In Campbell River machen wir einen kleinen Stadtbummel und fahren dann zum Abendessen in unsere Hütte zurück. Gegen 19.30 Uhr fahren wir noch zu den wenige Kilometer von uns entfernten Elk-Falls. Das Parktor wird bei Einbruch der Dämmerung geschlossen. Da wir aber nicht darauf aus sind, eventuell eine Nacht im Auto zu verbringen (unsere Schlafsäcke liegen gut verpackt im Koffer), entschließen wir uns, morgen früh gleich hierher zu fahren. Wir fahren daher zurück und planen die ungefähre Route für die nächsten Tage. Morgen wollen wir bis Goldriver fahren. Da es dort nur drei Unterkünfte gibt, marschieren wir noch einmal los, um ein Dach über dem Kopf zu reservieren. Telefonieren wird wieder aufregend, denn ein Innlandsgespräch haben wir noch nie geführt. Bald habe ich alle möglichen Leute am Telefon, nur nicht das Motel. Jeder gibt mir eine andere Nummer an, aber schließlich bekomme ich doch noch raus, welche Nummer man wo und wie wählen muss, und ich reserviere ein Zimmer, was aber leider keine Küche hat. Wir nehmen es trotzdem und hoffen, dass es wenigstens ein Restaurant gibt.


