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Dienstag, 6.6.95 - 12.458 km
- Campbell River, Strathcona Provincial-Park, Goldriver

Die Aussicht auf den Fluss ist herrlich, und das Wetter scheint gut zu bleiben. Gegen 9.45 Uhr fahren wir los und halten heute noch einmal an den Elk-Falls, wo wir einen schönen Morgenspaziergang durch den Wald mit alten Douglasien und zahlreichen Wasserfällen machen. Die Fälle sind nur im Frühjahr zu sehen, da oberhalb ein Staudamm gebaut wurde, der sonst das Wasser zurückhält. Danach geht es weiter in die z. T. noch unberührte Wildnis. Am Eingang zum Strathcona Provincial-Park halten wir auf dem dortigen Parkplatz. Auf den Hinweistafeln wird eindringlich vor Berglöwen und Schwarzbären gewarnt, obwohl die Begegnung mit ihnen äußerst selten sein soll. Das beruhigt uns natürlich gleich wieder. Zum Glück wissen wir noch nicht, dass uns heute noch eine Bärenbegegnung bevorsteht! Die Landschaft hier ist einmalig schön und ganz so, wie wir uns Kanada vorgestellt haben: riesige Wälder rechts und links der Straße, dazwischen Seen und Flüsse und nur sehr wenige Autos. Gegen 14.00 Uhr erreichen wir nach zahlreichen Stops unser heutiges Ziel, Goldriver. Das winzige Städtchen (ca. 2.000 Einwohner) liegt in einem Talkessel und ist von dichten Wäldern und schneebedeckten Bergen umgeben. Der Ort selbst hat nichts Schönes an sich. Als ich dann noch unser heutiges Motel von außen sehe (verwittertes Holz und einer Baracke nicht ganz unähnlich), möchte ich am liebsten zurückfahren. Die Zimmer sind jedoch sehr schön, supersauber und fast neu. Auch der Ausblick auf das Tal ist toll. Leider haben wir nur einen Kühlschrank auf dem Zimmer und ansonsten keine Kochgelegenheit. Aber wir können die sehr schöne Gemeinschaftsküche mit Mikrowelle benutzen. Das tun wir dann auch und sind dort völlig ungestört.
Nach dem Mittagessen fahren wir zu dem nur wenige Kilometer entfernten Hafen, von wo aus man einmal wöchentlich (leider nur dienstags, also heute) einen Tagesausflug mit dem Schiff MV Uchuck III nach Thasis unternehmen kann. Jetzt ärgern wir uns, dass wir nicht schon gestern bis hierher gefahren sind. Unten am Hafen liegt ein großes Sägewerk, und zwei Wasserflugzeuge landen gerade. Es sind Angler, die zu Lodgen in die Wildnis ein- bzw. ausgeflogen werden. Ganz in der Nähe gibt es noch eine kleine Siedlung. Ansonsten ist hier wie in Goldriver nichts los. Ein Ehepaar mit zwei Kindern, die hier am Wasser spazieren gehen, erzählen uns, sie hätten vor fünf Minuten auf der anderen Fluss-Seite einen Bären gesehen. Wir glauben natürlich, sie wollten uns einen solchen aufbinden, dann sehen wir ihn selbst. Er steht im Gebüsch und frisst Früchte von den Sträuchern. Einmal richtet er sich halb auf, und wir sehen, wie groß er sein muss. Wir sind froh, dass der Fluss zwischen uns ist. Dann verlieren wir ihn aus den Augen. Noch vor wenigen Stunden haben wir von der seltenen Begegnung mit Bären gelesen, von wegen!
Abends reservieren wir auf Quadra Island, einer Insel gegenüber von Campbell River, unsere nächste Unterkunft in einer Lodge. Wir hoffen, dass das Wetter bis Samstag und während unserer Überfahrt so bleibt. 21.40 Uhr - Vor unserem Fenster auf der Wiese steht ein Reh!



Mittwoch, 7.6.95 - 12.595 km
- Goldriver, Campbell River, Quadra-Island

Wir beeilen uns heute morgen, damit wir die ersten im Frühstücksraum sind. Wir sind die Einzigen. Nur ein kleines Reh grast friedlich auf der Wiese vor dem Fenster.
Gegen 10.00 Uhr brechen wir auf in Richtung Campbell River. Unterwegs halten wir an einem See, um einen kleinen Spaziergang zu machen. Wir sind kaum ein paar Schritte in den Wald gegangen, da stoßen wir auf eine tierische Hinterlassenschaft. Unser erster Gedanke: ein Bär, unser zweiter: nichts wie weg, denn vielleicht hat er noch nicht gefrühstückt! Vorsichtshalber treten wir daher den Rückzug zum Auto an. Gegen Mittag sind wir wieder in Campbell River. Nach Einkaufen und Mittagessen nehmen wir um 14.30 Uhr die Fähre nach Quadra-Island. Die Fahrzeit beträgt ca. zehn Minuten. Dort angekommen, verfahren wir uns erst einmal ordentlich, da wir das Schild zu unserer Lodge übersehen haben. Wir machen eine halbe Inselrundfahrt und finden dann doch noch den richtigen Weg. Es ist eine Insel zum Verlieben: dunkle Wälder mit viel Farngewächsen und darin versteckt Wohnhäuser und Farmen. Kilometerweit Natur pur und keine Menschenseele zu sehen. Die letzten drei Kilometer müssen wir auf einer Schotterpiste durch den Wald fahren, bevor wir endlich die Lodge erreichen. Es ist ein großer Holzbau direkt am Wasser und mit Blick auf Campbell River. Die Eingangshalle ist riesengroß und steht auf hohen dicken Baumstämmen. Unser Zimmer ist zweistöckig und hat oben auf der offenen Empore auch noch ein großes Bett. Vom Balkon aus können wir hinüber nach Vancouver Island sehen. Wir stellen unser Gepäck im Zimmer ab und erkunden dann die Gegend. Unten am Meer stehen vier einzelne Cottages, die auch noch zu der Anlage gehören. Wir laufen am Leuchtturm vorbei bis zum hoteleigenen Bootsanlegesteg. Dort sehen wir einen Seelöwen im Wasser umherpaddeln. Als er uns erblickt, taucht er blitzschnell unter. Auch von unserem Hotel aus sind später einige zu sehen.
Gegen 19.00 Uhr fahren wir noch los, um uns die Insel noch etwas anzusehen und ein Quartier für die nächsten Tage festzumachen. In Port Hardy klappt es sofort mit einem Motel, Prince Rupert dagegen artet fast zum Drama aus: Sorry, we are full! Wir fürchten langsam, dass wir bei unser mitternächtlichen Ankunft dort im Auto übernachten müssen. Schließlich haben wir in einem weiter vom Fährhafen entfernten Motel doch noch Glück. Ich bin mal gespannt, wo wir dort landen. Bei traumhaften Blick übers Meer auf die Schneeberge von Vancouver Island nehmen wir noch einen Drink und sinken dann müde ins Bett.



Donnerstag, 8.6.95 - 12.760 km
- Quadra-Island, Port Hardy

Als wir heute morgen aufstehen, ist es windstill und schwülwarm. Unser im Preis eingeschlossenes Frühstück ist enttäuschend: süße Brötchen, Marmelade, dünner Kaffee und Obstsalat, der schon einen leichten Stich hat. Dafür ist die Aussicht um so schöner, wir haben klare Sicht auf die gegenüberliegenden Berge von Vancouver Island.
Um 11.00 Uhr geht unsere Fähre. Sie ist heute voll. In Campbell River müssen wir zunächst einmal unsere Lebensmittelvorräte für die nächsten Tage auffüllen. Gegen 13.30 Uhr brechen wir nach Norden auf. Schon kurz hinter der Stadt wird der Verkehr merklich weniger, dafür die Wälder immer dichter. Dazwischen verläuft der Highway.
Gegen 17.00 Uhr und nach ca. 280 km erreichen wir Port Hardy. Unser Motel liegt ca. 5 km von der Stadt entfernt an einem Fluss in der Wildnis. Wir haben zu unserem Pech leider für zwei Tage gebucht. Die Zimmer sind für 78 Dollar unmöglich, zum Glück aber wenigstens sauber. Wir stellen unser Gepäck unter und fahren dann kurz zum Fährterminal. Es ist ca. zehn Minuten von uns entfernt. Nach dem Abendessen fahren wir zum 15 km entfernten Fischerdörfchen Coal-Harbour. Dort wird gerade ein Fischkutter entladen, und wir sehen interessiert zu. Pro Stunde werden hier zwischen 10.000 und 15.000 Pfund Fisch per Hand in Kisten sortiert und zum Transport verladen. Wir unterhalten uns lange mit einer netten Kanadierin, die bei der Fischereiaufsicht beschäftigt ist. Sie erklärt uns auch die verschiedenen Fischsorten, die wir als Leien mit bloßem Auge aber gar nicht unterscheiden können. Für uns sehen sie alle mehr oder weniger gleich aus, lediglich die Größe variiert. Teilweise werden die Fischkisten noch in der Nacht nach Vancouver gebracht und von dort nach Japan geflogen. Wir fahren anschließend noch zum Port-Hardy-Hafen (22.00 Uhr), wo auch gerade ein Kutter entladen wird. Diese Fische leben noch und werden in großen Wassertanks transportiert. Gegen 23.00 Uhr ist heute unser Tag zu Ende.



Freitag, 9.6.95 - 13.083 km
- Port Hardy, Telegraph Cove, Port Alice

Gegen 10.15 Uhr starten wir bei strahlend blauem Himmel Richtung Flughafen. Je näher wir kommen, je dichter wird der vom Meer aufziehende Nebel, und wir können kaum die Hand vor Augen sehen. Wir entschließen uns, in die Stadt zu fahren, und dort passiert uns dasselbe. Nur langsam verzieht sich der Nebel. Im dortigen Informationszentrum wollen wir eine Telefonkarte kaufen, aber sie haben nicht genügend Wechselgeld in ihrer Kasse. So marschieren wir in die nächste Bank und tauschen einen Reisescheck um. Die ganze Stadt kommt uns um Jahre zurückgeblieben vor. Anschließend machen wir einen Spaziergang an der Uferpromenade. Der Nebel hat sich inzwischen völlig verzogen. Auf einem Baum am Ufer sitzt ein Weißkopfseeadler, und wenig später entdecken wir in einer Baumgruppe ein Adlerpärchen, von denen einer die Jungen im Nest füttert. Leider haben wir heute unser Fernglas nicht dabei, und näher heran trauen wir uns nicht.
Nach unserem köstlichen Mittagsmahl fahren wir nach Telegraph Cove. Die letzten Kilometer müssen wir über eine Gravelroad, fürchterlich! Unterwegs kommen wir noch an einer großen Holzverladestation vorbei. Telegraph Cove ist eine alte Telegrafenstation an einer schönen Bucht, von der aus auch Walbeobachtungstouren (Orcas) starten. Es ist die einzige noch erhaltene Siedlung in Kanada, die ganz auf Stelzen im Wasser steht. Sie wirkt auf uns wie ein Freilichtmuseum. An jedem Holzhaus (sie sind übrigens bewohnbar, im Originalzustand und werden an Touristen vermietet), kann man auf Tafeln lesen, wie alt das Gebäude ist und als was es früher diente. Der gesamte Ort wurde in den 20-iger und 30-iger Jahren errichtet.
Unser Rückweg führt uns dann über Port Alice, das etwa 30 km vom Highway entfernt liegt. Kilometerlang geht es an Wäldern und einsamen Seen vorbei. Die Fahrt wird allmählich eintönig, bis auf einmal wenige Meter vor unserem Auto ein kleiner Schwarzbär langsam über die Straße trottet. Leider kann ich nicht sofort anhalten, weil direkt hinter mir ein anderes Auto ist. Horst will noch fotografieren, hat aber leider keinen Film im Apparat. So schnell, wie der Teddybär aufgetaucht ist, so schnell ist er auch wieder im Gebüsch verschwunden, und wir haben kein Foto! Das glaubt uns kein Mensch. Wie bei uns die Rehe, so laufen hier am hellen Tag die Bären über die Straße. Port Alice selbst hat außer einem schönen Blick auf den Fjord mit kleinen Inseln in der Mitte nichts zu bieten. Wir machen uns deshalb schon bald wieder auf den Rückweg. Horst hat inzwischen seinen Fotoapparat schussbereit neben sich liegen, aber natürlich lässt sich jetzt kein Bär mehr sehen. In Port Hardy gehen wir noch einmal zu der Stelle, an der wir heute morgen den Adler gesehen haben. Jetzt zählen wir sieben Exemplare. Unser Motel hat sich inzwischen gefüllt, und die Campingplätze, an denen wir vorbei kommen, sind voll. Jetzt wissen wir auch, warum die Fähren ausgebucht sind. Ich schreibe noch Tagebuch und Postkarten. Dann packen wir unsere Sachen für morgen früh zusammen, denn wir müssen spätestens um 5.00 Uhr aufstehen. Um 6.00 Uhr wollen wir los.