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Samstag, 10.6.95 - 13.317 km
- Inside Passage, Prince Rupert

Um 4.45 Uhr klingelt heute der Wecker. Vom Schlafzimmer aus hört man die Vögel im Wald zwitschern, und es gießt vom Himmel! Ausgerechnet heute auf unserer Fahr durch die Inside Passage muss es regnen. Schon gestern Abend zogen dicke Wolken am Himmel auf, aber wir haben gedacht, wir würden noch etwas vom Regen verschont. Hier an der Küste kann sich das Wetter aber schnell wieder ändern, und so sehen wir erst einmal gar nicht so schwarz. In den anderen Zimmern hört man nach und nach auch die Wecker klingeln. Unser Motel ist voll und der Parkplatz bis auf den letzten Platz besetzt. Wir packen bei strömendem Regen unsere Sachen ins Auto. In zehn Minuten sind wir an der Anlegestelle. Die Auto- und Wohnmobilschlange ist längst nicht so lange, wie ich befürchtet habe. Im Regen flitzen wir ins Ticketbüro und bezahlen unser Fährticket. Weil die Überfahrt 15 Stunden dauert, buchen wir vorsichtshalber auch noch eine Kabine. Kurze Zeit später fahren die ersten Autos aufs Schiff. Die Fähre ist tatsächlich ausgebucht und legt erst mit 25 Minuten Verspätung um 7.55 Uhr ab. Hoffentlich wird im Laufe des Tages das Wetter besser, damit man auch noch einiges von der wunderschönen Umgebung sehen kann. Wir verstauen unsere Sachen in unserer Innenkabine und erkunden dann die Fähre. Gegen 9.00 Uhr gehen wir frühstücken (im Motel gab es auf die Schnelle nur eine Tasse Tee). Von unserem Tisch im Restaurant können wir die kleinen und großen Inseln im Fjord sehen. Wie schön muss das erst bei Sonnenschein aussehen. Hier auf der Fähre hören wir, dass das Wetter der letzten Wochen das beste Frühlingswetter seit 30 Jahren gewesen sein soll! An Deck sitzt ein Deutscher aus Heilbronn, der für ein halbes Jahr durch Kanada reist und hierher auswandern will. Er ahnt nicht, wie sehr ich ihn beneide. Ich würde mir auf Vancouver Island ein Blockhaus an einem See oder am Meer kaufen. Das Problem ist nur: womit finanziert man den Lebensunterhalt? Häuser sind hier wesentlich erschwinglicher als bei uns. Ein Haus mit großem Grundstück kann man schon ab 150.000 Dollar bekommen. Gegen 9.30 Uhr erreicht die Fähre offenes Meer und schwankt dementsprechend. Mittlerweile regnet es in Strömen! Horst hält es innen im Schiff nicht aus und läuft die ganze Zeit auf dem Deck herum. Ab und zu taucht er dann pudelnass auf, während ich hier in der Kabine sitze und mein Tagebuch schreibe. Wir fahren schon stundenlang durch die Inside Passage. Das Schiff schaukelt kaum noch, da wir das offene Meer verlassen haben und zwischen den schützenden Schären weiterfahren. Es hat aufgehört zu regnen, und die Sicht wird besser. Ein großes Passagierschiff und zahlreiche Fischerboote sind uns bis jetzt begegnet. Ansonsten ist die Gegend hier oben bis auf zwei oder drei winzige Ansiedlungen menschenleer. Gegen 14.00 Uhr legt die Fähre in Bella-Bella, einer alten Indianersiedlung an und nimmt noch einige Rucksacktouristen an Bord. In dieser trostlosen Siedlung würde ich allerdings bestimmt nicht aussteigen. Es hat sich inzwischen aufgeklart, und streckenweise begleiten aus dem Wasser springende Delphine unser Schiff. Einmal sind sogar zwei Orca-Wale zu sehen! Einsamkeit und unberührte Natur um uns herum. Nach über zehn Stunden an Bord kann ich für heute keine Wälder und Wasser mehr sehen. Mittlerweile ist es ziemlich frisch geworden, und ich ziehe meinen dicken Wollpullover über. Es ist jetzt 18.30 Uhr, und noch vier Stunden Fahrt liegen vor uns. Die voraussichtliche Ankunftszeit wird nach Kapitänsansage 23.20 Uhr sein. So langsam wird es dunkel. Gegen 23.20 Uhr fahren wir von Deck. Anhand unseres Stadtplanes von Prince Rupert, den ich mir an Bord besorgt habe, finden wir unser Motel auf Anhieb. Gut, dass wir reserviert haben, die Stadt ist nämlich ausgebucht.



Sonntag, 11.6.95 - 13.333 km
- Prince Rupert, Burns Lake

Morgens um sechs Uhr dröhnen zwei Motorräder unter unserem Fenster. Hellwach sitzen wir im Bett mit Wut im Bauch. Kaum zu glauben: es regnet, und im Regen fahren wir auch später los.
Auf dem Highway 16 fahren wir die ganze Zeit am Fluss und an Seen entlang in Richtung Prince George. Die Berge hier oben sind wesentlich mehr verschneit als auf Vancouver Island. Einzelne Schneefelder reichen noch bis fast an die Straße heran. Dass es hier auch kühler ist, stört uns weniger. Vor uns leuchten plötzlich Bremslichter auf, und das Auto stoppt am Straßenrand. Mittlerweile haben wir kapiert: rote Bremslichter bedeuten, es gibt etwas zu sehen. Und tatsächlich, vor unserer Nase tapsen zwei große Bären über die Straße und verschwinden im Gebüsch. Das ganze geht so schnell, dass wir gar nicht erst zum Fotografieren kommen. Diese "Tierchen" machten auf uns einen furchterregend riesigen Eindruck. Denen möchten wir nun doch nicht allein auf weiter Flur begegnen. Wenig später gießt es von Himmel hoch und hört die nächsten Stunden auch nicht mehr auf. Von der wohl wunderschönen Gegend sieht man so gut wie nichts mehr. Dieses trübsinnige Wetter drückt natürlich auch ein wenig auf die Stimmung. An einem kleinen Cafe (das einzige Haus weit und breit) halten wir und essen dort zu Mittag. Als wir ein paar Kilometer weit gefahren sind, steht plötzlich ein Elch am Straßenrand und wundert sich über die Touristen, die bei diesem miesen Wetter durch die Gegend fahren. Aber auch er verschwindet schnell im Gebüsch, als wir halten und ihn fotografieren wollen. An touristischen Höhepunkten war es das aber für heute. Kurz nach Smithers hört es auf zu regnen und die Sonne kommt zwischen den Wolken hervor. Nach 500 km Fahrt übernachten wir heute in einem Motel in Burns Lake.



Montag, 12.6.95 - 13.835 km
- Burns Lake, Prince George, Mc Bride

Heute habe ich von Motels "die Nase voll". Unser Fenster nach draußen zum Gang lässt sich nicht öffnen, so dass man nur durch die Klimaanlage Luftbewegung ins Zimmer bekommt. Ein Unikum in unserer Unterkunft ist außerdem das Waschbecken. Es befindet sich, durch einen kleinen Mauervorsprung abgeteilt, direkt neben dem Herd! Toilette und Dusche sind allerdings separat in einem anderen Räumchen. Als ich heute morgen Toast machen will, wird von der aufsteigenden Wärme die direkt über dem Toaster liegende Brandsirene ausgelöst und verursacht einen ohrenbetäubenden Lärm. Ich habe nur noch einen Gedanken: nichts wie weg!
Um 9.00 Uhr haben wir alles gepackt und fahren los in Richtung Rocky Mountains. Heute Abend wollen wir am Rande der Rockys sein, unser Ziel ist Valemount. Heute ist es zwar stark bewölkt und kühl, regnet aber nicht. Der Highway 16 East zieht sich z. T. schnurgerade dahin, rechts und links bewaldete Hügel. Dieses wenig spektakuläre Landschaftsbild wird nur hin und wider von Farmen unterbrochen. Es ist eine ziemlich eintönige Landschaft und dementsprechend schnell ermüdet man beim Fahren. Bis Prince George sind es über 200 km und von dort noch einmal 270 km bis Valemount. Auf einmal sind wir wie elektrisiert. Vor uns leuchten Bremslichter auf, und wieder überquert Meister Petz die Straße. Diesmal ist er nur mittelgroß, aber trotzdem respekteinflößend. Unsere Fotoapparate kommen erneut zu spät zum Einsatz. Hinter Prince George wird die Gegend bergiger, und in der Ferne sieht man wieder schneebedeckte Berge. In dieser Gegend fallen uns besonders die vielen toten Bäume und die zahlreichen abgeholzten und wieder aufgeforsteten Berghänge auf. Auf einer Lichtung sieht Horst im Vorbeifahren einen großen Elch stehen. Für ein Foto ist er aber zu weit entfernt. Gegen 15.30 Uhr sind wir in Mc Bride, wo wir am dortigen Informationszentrum anhalten. Es ist in einem alten Eisenbahnwaggon untergebracht. Wir decken uns mit Karten, Unterkunftsverzeichnissen und ähnlichem Informationsmaterial ein. Wir entdecken einen Prospekt von einer Lodge, die auf unserem Weg liegt. Dorthin fahren wir und sind am Ziel unserer Träume angelangt.
Abseits des Highways sind vor zehn Jahren Deutsche hierhin ausgewandert und haben auf ihrem 700.000 qm großen Grundstück mit eigenem riesigen See Blockhütten mitten im Wald gebaut. Wenige Minuten vor uns schnappt uns ein anderes Ehepaar die letzte Hütte mit Küche vor der Nase weg. Weil es uns aber so gut hier gefällt, nehmen wir eine Hütte ohne Küche. Die beiden Eigentümer (Paul und Barbara) sind sehr nett und bieten uns Frühstück für morgen früh an. Ganz besonders hat es mir der weiße Schlittenhund angetan, der "Snow" heißt und bei unserem Anblick fröhlich mit dem Schwanz wedelt und sich ausgiebig streicheln lässt. Nachdem wir unser Häuschen bezogen haben, leihen wir uns Paddel aus und fahren im Kanu über eineinhalb Stunden über den z. T. mit gelben Teichrosen bedeckten See. Am Uferrand steht plötzlich eine Elchkuh und guckt uns ganz entgeistert an. Wir paddeln vorsichtig auf sie zu, um zu fotografieren. Erst als wir nur noch wenige Meter vom Ufer entfernt sind, verschwindet sie langsam im Gebüsch. Auf dem See hört man nur Vogelgezwitscher und die Schläge unserer Paddel. Nach unserem Abendessen machen wir noch einen Waldspaziergang und treffen auf Schwärme von Mücken, die meinen, uns nun begleiten zu müssen. Weil es hier so schön ist, entschließen wir uns, noch einen Tag dranzuhängen und erst einmal von hier aus einen Tagesausflug in die Berge (nach Jasper) zu unternehmen. Zum Glück ist die Hütte morgen auch noch frei.



Dienstag, 13.6.95 - 14.301 km
- Mc Bride, Jasper, Maligne Lake

Gestern Abend und die Nacht über hat es geregnet. Als ich heute Nacht einmal wach werde, herrscht Totenstille, hin und wider knacken die Holzbalken. Auch heute morgen regnet es noch. Als wir gegen 8.30 Uhr zum Frühstück zum Wohnhaus der Brenneisens hinübergehen, kommt vereinzelt die Sonne zwischen den Wolken hervor. Anschließend machen wir uns auf den Weg nach Jasper. Nach ungefähr 50 km geht es in hinauf in die Berge. Am Fraser River halten wir an den dortigen beiden Wasserfällen, an denen im Herbst die Lachse springen. Wir sehen zwei Schlauchboote, die in waghalsiger Fahrt den Fluss hinabfahren. Horst ist davon begeistert und möchte am liebsten mit. Er scheint lebensmüde zu sein.
Das Wetter wird immer besser, und bald strahlt die Sonne vom blauen Himmel. Gegen Mittag erreichen wir Jasper, einen reinen Touristenort, der um diese Zeit aber noch nicht so überlaufen ist, wie wir zunächst befürchtet haben. Wir essen in einem griechischen Lokal zu Mittag. Danach fahren wir ca. 50 km durch traumhafte Berglandschaft an Wäldern und Seen vorbei in Richtung Maligne Lake. Direkt am Waldrand schlendert ein Bär durchs Gebüsch. Eigentlich wollten wir noch eine Bootsfahrt über den Maligne Lake machen, um auch die berühmte Insel im See zu fotografieren, die auf allen Kanadabildern zu sehen ist. Da wir aber hier in Alberta sind, wo die Uhren eine Stunde vorgehen, haben wir die letzte Überfahrt um 16.00 Uhr verpasst. Auf unserer Rückfahrt vom See halten wir nochmals in Jasper und suchen Quartier für die nächsten zwei Tage, was gar nicht so einfach ist. Überall, wo wir anfragen, heißt es nur lapidar: leider nichts frei. Schließlich haben wir doch noch Glück und finden ein freies Holzhaus. Wir können es leider nicht vorab besichtigen, da es belegt ist. Also buchen wir blind. Wie es aussieht, werden wir hier in den Rockys Schwierigkeiten mit den Unterkünften bekommen. Wir wollen deshalb heute Abend von unserer Lodge aus für Freitag und eventuell das ganze Wochenende eine Unterkunft in Banff reservieren.
Als wir den Hidden Lake erreichen, fängt es an zu regnen, und unsere geplante abendliche Kanufahrt fällt im wahrsten Sinne des Wortes "ins Wasser". Wir planen unsere ungefähre Route für die nächsten Tage. Die Zeit vergeht jetzt rasend schnell. Wir haben nur noch eineinhalb Wochen mit unserem Auto, das uns brav durch die Gegend kutschiert.