Donnerstag, 19.6.97 - km 19.896 -
- Hidden Lake -
Der Wind hat über Nacht gedreht, und die Wolken kommen heute aus der entgegengesetzten Richtung. Das Wetter scheint sich zu bessern. Bei uns wird es morgens immer später. Nach dem Frühstück wollen wir eine Runde paddeln gehen. Nach dem Mittagessen machen wir auf unserer Terrasse Siesta und lassen uns die Sonne auf den Pelz scheinen. Nach etwa einer Stunde gesellt sich Paul zu uns, und die nächsten dreieinhalb Stunden vergehen wie im Flug. Wir erzählen von allem Möglichen, und dann stellt sich heraus, dass Paul vor einigen Jahren sechs Monate in Nordkanada in der Wildnis verbracht und zusammen mit acht anderen Leuten ein Blockhaus gebaut hat. Und zwar zusammen mit Leo Schimanek, dessen Bücher ich zu Hause schon mit Begeisterung gelesen habe! Ich kann es nicht glauben. Das gibt's doch gar nicht! Zu Hause werde ich gleich nachsehen, ob ich Paul in den Büchern entdecken kann. Dann erzählt er uns noch von dem zweiten Haus, dass sie in den nächsten Jahren direkt unten am See bauen wollen. Barbara kommt kurz vorbei und ist schon leicht sauer, weil Paul keine Anstalten macht, sich vom gemütlichen Stuhl zu erheben. Ich könnte noch stundenlang zuhören, wenn er in seiner bedächtigen Art erzählt. Gegen 19.00 Uhr ist es kühl geworden, und wir müssen uns beim Abendessen erst einmal mit heißem Tee aufwärmen. Dann machen wir noch eine Wanderung um den See. Als wir zurückkommen, hat Paul schon einen Artikel aus dem "Stern" über seinen Wildnisaufenthalt herausgesucht. Bedauerlich, dass wir morgen abreisen, denn sonst hätten wir noch einen Diavortrag zu sehen bekommen. Ein Grund mehr, um im nächsten Jahr wiederzukommen. Er drückt uns auch noch das Gästebuch in die Hand, aber dazu fällt mir heute abends beim besten Willen nichts mehr ein.
Freitag, 20.6.97 - km 19.896 -
- Jasper -
Als wir gegen 7.30 Uhr aufstehen, regnet es. Ich schreibe noch schnell meinen Spruch ins Gästebuch, bevor es ans Packen geht. Gegen 10.30 Uhr sind wir abmarschbereit. Wir geben Paul noch eine Wegbeschreibung zu uns. Sie werden im Oktober für drei Monate nach Deutschland kommen (Barbaras Eltern wohnen in Greven bei Münster) und uns dann besuchen kommen. Als wir losfahren, regnet es immer noch. Kurz vor Jasper wird es plötzlich trocken, dafür ist es hier oben in den Bergen ziemlich kalt. Die Stadt ist voller Touristen und fast nicht mehr wiederzuerkennen. Die Berge ringsherum sind im oberen Viertel dick verschneit! Einen Ausflug auf den Mt. Whistler könnten wir gar nicht unternehmen. Wir essen beim Griechen zu Mittag und fahren dann zur Alpine Lodge. Unsere letzte Unterkunft hier in den Rockys ist zwar ohne Küche, aber sehr komfortabel. Die große Terrasse grenzt direkt an eine Wiese am Waldrand. Wir fahren noch einmal zum Informationszentrum und sehen nach, in welcher Gegend Bären gesichtet worden sind. Dann machen wir uns auf "Bärenjagd". Wir fahren zum Lake Annette und Lake Edith, zwei wunderschönen blauen Seen mitten im Wald. Morgen wollen wir noch einmal hierher kommen, um den See zu umwandern. Ein Grizzly läuft uns heute nicht über den Weg. Auf unserem Rückweg machen wir noch an der Jasper Park Lodge einen Halt und sehen uns ein wenig um. Auf einem riesigen Gelände am Lac Beauvert liegen die verschiedenen Holzhäuser. Eine Übernachtung kostet hier zwischen 350 und 550 Dollar! Die Lage der Häuser ist zwar wunderschön, aber so sehr begeistert bin ich von der Lodge nun wieder auch nicht. Bevor wir zur Alpine Lodge zurückkehren, fahren wir noch zum Skigebiet von Jasper, dem Marmot Bassin, wo ein Grizzly hausen soll. Uns begegnen zwar jede Menge Wapitis, und plötzlich steht sogar eine Elchkuh mitten auf der Straße. Ein Bär lässt sich jedoch nicht mehr blicken. Wir fahren zurück und laufen noch ein bisschen am Athabasca River entlang.
Samstag, 21.6.97 - km 20.117 -
- Jasper, Lake Annette -
Heute morgen ist es zwar trocken, aber ziemlich kalt. Wir haben ein spartanisches Frühstück, denn außer einem Wasserkocher, zwei Tassen und einem Kühlschrank gibt es in Luxusherberge nichts, was nach Küchenutensilien aussieht. Zum Glück sind wir mit Brettchen, Frühstücksbechern und Messer aber gut ausgerüstet. Wir fahren nach Jasper und kaufen noch etwas für unser Mittagessen ein (Pizza, Salat, Tomaten). Um meinen Holzbären sicher nach Hause transportieren zu können, kaufen wir uns in einem Geschäft noch eine Stofftasche. Nachmittags steht dann eine Wanderung um den Lake Annette auf unserem Programm. Als wir den See auf einem schönen Weg durch den Wald umrundet haben, hat sich der Himmel zugezogen, und es fängt an zu regnen. Um 18.00 Uhr gießt es in Strömen vom bleigrauen Himmel. Der Wetterbericht für die nächsten Tage verkündet auch nichts Gutes: Regen bei höchstens 16 C;! Gegen 19.30 Uhr ziehen wir unsere Regenjacken über und machen noch einen kurzen Spaziergang zum Athabasca. Direkt vor unserer Lodge gibt es mitten auf der Straße einen Autostau und einen kleinen Menschenauflauf, weil eine Herde großer und kleiner Wapitis durch die Gegend zieht. Die Horde zieht kurze Zeit später durch den Wald an unserem Wohnzimmer vorbei.
Sonntag, 22.6.97 - km 20.144 -
- Edmonton -
Heute ist nun der letzte Tag mit unserem Auto angebrochen. In Edmonton müssen wir es am Flughafen wieder abgeben. Dann haben wir noch einen Urlaubstag, bevor es am Dienstag wieder Richtung Deutschland geht. Es regnet in Strömen, als wir um 7.15 Uhr losfahren. Wir haben eine mindestens vierstündige Autofahrt vor uns, und bei diesem Wetter kann das ja heiter werden, ein Boot wäre vielleicht angebrachter. Es ist nasskalt, und die Berge sind fast bis zum Boden in dicke Regenwolken gehüllt. Als wir das Gebiet der Rocky Mountains verlassen haben, geht es hunderte von Kilometern fast schnurgeradeaus auf dem Highway nach Edmonton. Es schüttet wie aus Eimern, und die Sicht ist mehr als schlecht. Das einzig Gute daran ist, dass uns der Abschied nicht ganz so schwer fällt. Bis wir am Flughafen in Edmonton ankommen, hat es nicht ein einziges Mal aufgehört zu regnen. Bevor wir das Auto abgeben, müssen wir noch tanken, denn der Tank ist ratzeputz leer und keine Tankstelle in der Nähe zu finden. Es regnet wie aus Kübeln, und es ist nur noch eine Frage von Minuten, bis wir mitten auf dem Highway wegen Spritmangels stehen bleiben. Als wir endlich eine Tankstelle finden, hängt dort ein Schild: Sorry, closed!!! Mit dem buchstäblich letzten Tropfen Benzin finden wir dann endlich eine Tankstelle. Dort wollen sie zwar unsere Reiseschecks nicht als Zahlungsmittel anerkennen, aber wenigstens haben wir den Tank jetzt voll, und unser Bargeld reicht zum Glück auch noch zum bezahlen. Tolles Urlaubsende! Das kann nur noch besser werden. Horst lässt mich mit Gepäck vor dem Flughafeneingang aussteigen und gibt das Auto mit einem Kilometerstand von 20.545 km ab. Insgesamt haben wir 3.388 km und 280,5 l Benzin verfahren. Dann fahren wir mit dem Shuttlebus zu unserem Hotel "Delta Edmonton". Ich kriege fast eine Krise, als ich unser Hotelzimmer sehe: Die raumhohen Fenster haben direkten Blick in eine riesige Einkaufspassage und sind nicht zu öffnen. Frischluft gibt's also nicht! Ansonsten ist das Zimmer passabel und sauber. Zum Glück sind wir nur noch morgen hier. Eines steht für mich schon jetzt fest: Nie wieder Edmonton! Mal abgesehen vom fürchterlichen Regen finde ich die Stadt schrecklich. Sie wirkt auf mich wie eine aus dem Prärieboden gestampfte Ansiedlung mit keinerlei Flair und steht damit im krassen Gegensatz zu Vancouver. Abends schlendern wir noch durch die Einkaufspassage, in die unser Hotel direkt hineingebaut ist. Es regnet immer noch.
Montag, 23.6.97
- Edmonton -
Als wir vom Frühstück kommen und unsere Nase nach draußen stecken, hat es zum Glück aufgehört zu regnen. Wir fahren mit dem Bus zum National Museum und am Spätnachmittag noch zur Edmonton Mall, dem riesengroßen Einkaufszentrum mit über 800 Geschäften unter einem Dach. Abends heißt es dann: Kofferpacken für unsere Rückreise morgen früh.
Dienstag, 24.6.97
Nach dem Frühstück geht es mit dem Shuttlebus zum Flughafen. Wir checken ein (unsere Sitzplätze haben wir schon durch das Reisebüro reservieren lassen) und bummeln noch durch das Flughafengebäude. Bei der Handgepäckkontrolle kommt dann der krönende Abschluss von Edmonton: Horst muss sein Bordgepäck öffnen, und unser Spülmittel und Autan-Spray gegen Mücken werden wegen ihrer angeblichen Gefährlichkeit konfisziert! Wir können uns das Lachen nur mühsam verbeißen. Ausgerechnet unsere kleine Spülmittelflasche, die wir schon auf unzähligen Reisen in unserem Gepäck hatten, soll gefährlich sein? Vermutlich hatte der "nette" Mensch an der Gepäckkontrolle zu Hause kein Spülmittel mehr, und gegen Mücken konnte er sich wohl auch nicht wehren. Ich bin froh, dass ich dieses ungastliche Edmonton verlassen kann. Nach einer Zwischenlandung in Toronto mit einem dreistündigen Aufenthalt geht es dann über den großen Teich nach Frankfurt zurück, wo wir mit 20minütiger Verspätung gegen 11.00 Uhr eintreffen. Unser Gepäck rollt fast als allererstes vom Band, so dass wir auch noch unseren Zug nach Köln erwischen. Gegen 15.00 Uhr kommen wir müde und geschafft von der langen Reise zuhause an.


