Mittwoch, 9.9.98 - 21.689 km -
- Banff National Park, Lake Louise, Moraine-Lake -
Gegen 4.00 Uhr morgens ist für uns die Nacht zu Ende. Wir improvisieren unser Frühstück so gut es eben geht (zum Glück sind wir mit Besteck, Tassen und Reisetauchsieder bestens ausgerüstet). Horst organisiert ein opulentes Frühstück mit Schinken- und Käsebaguettes, während ich auf der Fensterbank Wasser für Kaffee und Tee heiß mache. Gut, dass uns hier keiner sieht. Danach packen wir unsere Koffer noch etwas um, legen eine Küchen- und Schuhtasche an, und fahren gegen 8.20 Uhr weiter. In Cochrane halten wir kurz an einem Supermarkt und decken uns mit Lebensmitteln für die nächsten Tage ein. Kühltasche mit Akkus haben wir auch dabei! Am Eingang zum Banff-Nationalpark kaufen wir die erforderliche Plakette, die auch in diesem Jahr wieder 70 Dollar kostet und bis nächsten September gilt. Bei unserer Weiterfahrt durch die herbstliche Bergwelt der Rockys bricht dann auch prompt das "Bärenfieber" aus. Der lässt sich allerdings nicht blicken. Dafür sehen wir kurz nach der Auffahrt auf die alte 1a am Straßenrand einen Coyoten (Horst behauptet, es wäre ein Wolf gewesen!). In den Baker-Creek-Chalets erhalten wir mit großem Glück die noch letzte freie Holzhütte, für die wir allerdings auch 205 Dollar hinblättern müssen. Vor drei Jahren hat das gleiche Haus noch 165 Dollar gekostet und kam uns damals schon teuer vor. Wir reservieren für zwei Tage, da sich die Unterkunftssuche hier im Park durch die große Menge der Touristen (hatten wir um diese Zeit eigentlich nicht mehr erwartet) als sehr schwierig erweist. Deshalb rufen wir dann auch gleich noch in Jasper bei der Alpine Lodge an, um uns Betten für die dann folgenden beiden Tage zu sichern. Aber: Die Lodge ist voll! Bei der Tekarra Lodge haben wir dann mehr Glück und buchen eine Hütte.
Nach dem Auspacken fahren wir nach Lake Louise, essen dort zu Mittag und organisieren uns beim Informationscenter ein neues Unterkunftsverzeichnis von Alberta. Anschließend machen wir uns auf den Weg zum Moraine Lake, wo es auf der Zufahrtsstraße wie zur Rushhour-Zeit zugeht. Da war es im vergangenen Jahr im Juni hier doch wesentlich schöner und längst nicht so voll. Wir hatten gedacht, die Touristensaison ist Mitte September vorbei, aber anscheinend sind jetzt fast alle hier unterwegs. Hier hochoben am See ist es ziemlich kalt. Trotzdem laufen wir den märchenhaften Weg durch den Wald bis zum See-Ende entlang. Unterwegs lässt der Touristenstrom dann auch deutlich nach. Die meisten steigen aus dem Auto, gucken sich den See an und fahren dann wieder weiter. Nach unserem Spaziergang fahren wir noch kurz zum Lake Louise, wo uns wieder eine große Schar Urlauber erwartet. Dann geht's zurück zum Baker Creek. Mittlerweile könnten wir fast im Stehen einschlafen und liegen deshalb schon gegen 20.30 Uhr total geschafft im Bett.
Donnerstag, 10.9.98 - 21.946 km –
- Lake Louise, Gondola, Field, Emerald Lake -
Kurz vor 6.00 Uhr ist für uns die Nacht vorbei. Wir fühlen uns heute schon wesentlich fitter als gestern. Heute morgen werden wir bei schönem Wetter mit der Gondola von Lake Louise auf den Berg fahren. Gegen 10.00 Uhr sind wir an der Talstation und kaufen ein Ticket, dass bei unserer Rückkehr ein Lunch-Buffet für 7,95 Dollar mit einschließt. Das neue Lodgegebäude, das im letzten Sommer noch im Bau war, ist mittlerweile fertig. Die Möblierung besteht zum größten Teil aus Baumstämmen und sieht so richtig urig aus. Wir fahren mit einem offenen Sessellift auf über 2.000 m Höhe und genießen von dort oben eine herrliche Rundumsicht auf Lake Louise, die Berge und den Icefield-Parkway. Von hier oben kann man sogar bis zum Chateaux Lake Louise und zum blau schimmernden See sehen. Wir sind froh, dass wir unsere dicken Jacken angezogen haben, denn hier oben weht ein ziemlich frisches Lüftchen. Wir laufen ein Stück bis zur nächsten Seilbahnstation, die noch mit zum großen Skigebiet von Lake Louise zählt. Im Gebäude läuft gerade ein Bärenfilm. Wir sind froh, dass wir wenigstens so einen von diesen Tieren sehen. Zurück an der Talstation stürzen wir uns auf das dort aufgebaute Buffet mit mehreren Salaten, Gemüse, Nudeln, Kartoffeln Huhn und Obst. Nach unserem opulenten Mal wollen wir die Kalorien bei einem Lauf um den See wieder abtrainieren. Am Parkplatz angekommen überfällt uns ein derartiger Rummel, so dass wir gleich wieder flüchten. Kein Wunder, dass uns noch kein Bär begegnet ist, die haben sich sicherlich in ruhigere Gefilde zurückgezogen. Gestern war am Moraine Lake allerdings der Trail wegen eines Grizzlys gesperrt. Wir fahren Richtung Field und halten am Lake O`Hara Parkplatz. Von hier kann man 12 km weit zum See spazieren oder mit einem vorreservierten Platz im Bus dorthin fahren. Wir überlegen uns, das vielleicht während der letzten beiden Urlaubstage, die wir in der Castle Mountain Lodge verbringen, zu machen. Am Emerald Lake herrscht der gleiche Trubel, nur auf dem 5,2 km langen Weg rund um den See begegnet uns dann noch kaum jemand. Bei unserer Rückfahrt zum Baker Creek tanken wir in Lake Louise unser Auto wieder voll. Weil es noch relativ mild ist, findet unser Abendessen draußen auf unserer eigenen Terrasse statt. Anschließend schreibe ich noch ein paar Ansichtskarten und mein Reisetagebuch. Morgen früh wird es über den Icefield Parkway nach Jasper zur Tekarra Lodge gehen, wo wir die nächsten beiden Tage verbringen werden.
Freitag, 11.9.98 - 22.055 km –
- Icefield Parkway, Jasper -
Wir stehen gegen 6.00 Uhr auf, frühstücken und packen unsere Koffer ins Auto. Dann bezahlen wir noch an der Rezeption unsere Übernachtungskosten und kaufen einen kleinen Verwandten von unserem großen Holzbären, den wir im letzten Jahr mit nach Hause genommen haben. Nach unserem Telefonat nach Hause geht es bei bewölktem Himmel aber ohne Regen über den Icefield Richtung Norden nach Jasper. Trotz der Bewölkung haben wir phantastische Sicht auf die Berge. Es ist allerdings eisig kalt. Am gletscherblauem Bow-Lake halten wir und laufen am Seeufer entlang bis zum See-Ende. Voriges Jahr war der See im Juni noch fast bis zum Ufer ganz vereist und an einen Spaziergang nicht zu denken. Eine Reise in der Herbstzeit hat natürlich, einmal abgesehen von den Touristenmassen, auch ihre Vorteile. Das merken wir wenig später, als wir am Bow-Pass, dem höchsten Pass auf dem Icefield-Parkway halten. Auch hier war letzten Juni noch alles dick verschneit und vereist. Heute dagegen haben wir einen grandiosen Ausblick auf den malerischen Peyto-Lake, der tief unter uns in einem Gletschertal liegt. Während unserer langen Fahrt auf dem Highway sehen wir auch heute keinen einzigen Bären und kein anderes Tier. Gegen 15.15 Uhr erreichen wir die Tekarra-Lodge und beziehen unsere gemütliche Behausung (Nr. 39). Es ist ein relativ großes 1-Zimmer-Holzhäuschen mit zwei romantischen Alkovenbetten, Küche und Badezimmer. Es liegt wie die anderen Häuschen auch im Wald und hat einen wunderschönen Blick auf einen kleinen See. Im Hintergrund ist der Whistler mit seiner Seilbahn zu sehen. Bei unserer Anmeldung stellt sich heraus, dass wir für die zwei Tage, die wir wegen des Air-Canada-Streiks absagen mussten, nichts bezahlen müssen.
Hier oben in Jasper ist es deutlich wärmer, und so können wir schon bald unsere Pullover ausziehen. Nachdem wir es uns in unserer neuen Behausung gemütlich gemacht haben, fahren wir nach Jasper zum Einkaufen und leisten uns für unser Abendessen geräucherten Lachs. Das Städtchen ist gerammelt voll. Am Jasper Bahnhof ist gerade der Orientexpress eingelaufen, den wir uns noch ansehen. Nach unserem leckeren Abendessen machen wir noch einen kleinen Spaziergang und genießen die herrliche Aussicht auf das Athabasca-Tal und die Berge. Als wir am Restaurant vorbeikommen, steht nur wenige Meter entfernt ein großer Wapiti auf der Wiese. Es sieht zwar friedlich aus, aber wir halten doch vorsichtshalber Abstand. Vor unserem Häuschen saust ein Hörnchen die Bäume rauf und runter und keckert vor sich hin. Wir sind so geschafft, dass wir schon gegen 21.00 Uhr friedlich im Alkovenbett schlummern.
Samstag, 12.9.98 - 23.306 km -
- Maligne Lake -
Wir haben himmlisch im gemütlichen Alkovenbett geschlafen und werden heute erst gegen 7.30 Uhr wach. Nach dem Frühstück geht es zum Maligne Lake. Noch ist es bewölkt und kühl, wird sich aber erfahrungsgemäß im Laufe des Vormittags ändern. Je weiter wir ins Maligne Tal hineinfahren, um so mehr schwindet unsere Hoffnung auf Bären. Nichts ist zu sehen. Der Mistaja See ist mit seinem Wasserspiegel ganz tief abgesunken. In den Prielen und auf den Sandbänken im See stehen zahlreiche Angler. Zu dieser relativ frühen Morgenstunde stehen auf dem Parkplatz am Maligne See schon einige Busse. Wir werden uns wohl damit abfinden müssen, dass wir hier während dieser Jahreszeit keine Einzelreisenden sind. Wir laufen den Weg am linken Seeufer bis zu seinem Ende entlang, und sind froh, dass wir bei der frischen Luft unsere dicken Jacken mitgenommen haben. Am Wegende hat man einen wunderschönen Blick auf den See und die vorbeifahrenden Schiffe. Die Berge im Hintergrund tragen noch kleine Schneemützen. Wir folgen noch einem schmalen Pfad im Wald, der wie ein märchenhafter Urwald auf mich wirkt. Dicke Moospolster und Flechten bedecken den Waldboden und die umgestürzten Bäume, auf denen schon eine neue Generation kleiner Bäume ihren Platz gefunden hat. Es ist hier drinnen im Wald schon fast unnatürlich still. Da wir nicht wissen, wohin der Pfad führt und wir befürchten, uns zu verirren, kehren wir vorsichtshalber um. Unseren Spaziergang setzen wir dann am anderen Seeufer fort und rasten dort auf Baumstämmen am Kiesufer. Lange Zeit suchen wir die Berghänge mit dem Fernglas nach Bären ab, aber außer ein paar weißen Bergziegen und vier Wanderern auf einem Bergrücken ist nichts zu sehen. Unseren mitgebrachten Mittagsimbiss verzehren wir am Picknicktisch am Waldrand. Sofort stellen sich wieder Vögel ein, die auf Brotkrümel aus sind und fast gar keine Scheu zeigen. Auf dem Rückweg nach Jasper läuft uns ein Coyote über den Weg, den wir fotografieren. Unsere anschließende Bärenjagd am Marmotbassin, dem Skigebiet Jaspers, ist leider auch umsonst. Allmählich nehmen wir von der Vorstellung Abschied, dass wir überhaupt noch welche zu Gesicht kriegen. Wie im letzten Juni versperrt wieder die Schranke die Zufahrt zum Skigebiet. Zurück in der Lodge kochen wir ein kleines Abendessen und machen dann noch einen Verdauungsspaziergang am Flussufer entlang zur Alpine Lodge. Als wir durch den dortigen Wald zurück zur Tekarra Lodge laufen wollen, hält uns plötzlich das Brüllen eines riesigen Wapitihirsches davon ab. Im Gebüsch können wir noch zwei Wapitikühe erkennen. Vorsichtshalber treten wir den organisierten Rückzug an, denn wir wollen keine Bekanntschaft mit dem großen Geweih des Hirsches machen. Kurz vor der Lodge sehen wir auf einer Wiese am Flussufer noch mehrere Wapitikühe, die wahrscheinlich zum Harem des Hirsches gehören.


