Mittwoch, 16.9.98 - 23.703 km –
- Hyder, Fish-Creek -
Als wir heute morgen aus dem Fenster sehen, trauen wir zunächst unseren Augen nicht: Unser Auto ist zugefroren! Wir frühstücken zunächst ausführlich, packen unsere Sachen zusammen, da wir heute Nachmittag ins Hotel ziehen müssen und telefonieren mit den Daheimgebliebenen. Zuhause regnet es seit unserer Abreise fast pausenlos, so dass sogar schon Flüsse über die Ufer treten. Da kratzen wir heute morgen doch viel lieber etwas Eis von den Autoscheiben. Bei strahlend blauem Himmel machen wir uns wieder auf den Weg zum Fish-Creek, wo sich bei unserer Ankunft gerade lauthals zwei Bären streiten und die Ranger uns alle vorsichtshalber auf der Holzplattform in Sicherheit bringen. Das Gebrüll hört sich furchterregend an. Heute morgen ist auch das Nürnberger Ehepaar hier eingetroffen, denen wir auf dem Weg hierher beim Telefonieren geholfen hatten. Nach wenigen Minuten ziehen sich die beiden Streithähne in den Wald zurück und werden nicht mehr gesehen. Wie die Tage zuvor pendeln wir immer zwischen Parkplatz und Aussichtsplattform hin und her, damit uns nur ja kein unerwartetes Bärenauftauchen entgeht. Plötzlich erspäht jemand einen dicken schlafenden Bären auf der gegenüberliegenden Bachseite am Parkplatz. Sofort versammelt sich dort die ganze Mannschaft und beobachtet und fotografiert den schlafenden Brummbären. Ab und zu blinzelt er träge zu uns herüber oder kratzt sich kurz an seinen Plüschohren. Plötzlich erhebt er sich träge, marschiert zum kleinen Fluss hinunter. legt sich ganz ins Wasser und bleibt einfach liegen. Wir stehen nur wenige Meter von ihm entfernt auf der anderen Seite und begucken uns fast ungläubig dieses Schauspiel. Hin und wieder taucht er sogar seinen ganzen Kopf unter Wasser, schüttelt sich dann die Wassertropfen aus dem Fell und plumpst wieder ins Wasser zurück. Ob das wohl seine Morgenwäsche ist? Auf einmal scheint er hungrig zu werden, fängt sich mit seinen riesigen Pranken einen Lachs und verspeist ihn. Dann trottet er ins Gebüsch zurück und ist verschwunden.
Wir fahren mittags ins Bitter-Creek-Cafe nach Stewart zurück und essen dort auf der Terrasse in der warmen Mittagssonne. Was den Bären am Fluss schmeckt, schmeckt auch mir: Lachs! , während Horst sich eine Lasagne munden lässt. Anschließend beziehen wir unser Hotelzimmer (das Motel ist heute wirklich nicht mehr frei). Beim Mittagessen haben wir ein deutsches Pärchen vom Fish-Creek getroffen, die uns erzählten, dass sie kurz vorher einen phantastischen Rundflug über die Gletscher gemacht haben. Da ist Horst natürlich kaum noch zu bremsen, und schon sind wir auf dem Weg zum Hubschrauber. Wir brechen zu einem 20-minütigem Rundflug auf. Ich hätte nicht gedacht, dass Fliegen mit dem Hubschrauber so angenehm ist. Die Sicht ist bei dem klaren Wetter phantastisch, und schon bald bestaunen wir von oben weiße Bergziegen, verlassene Goldminen und grandiose Gletscher, die zum Teil noch nie jemand betreten hat. Nach diesem Abenteuer geht es wieder zu den Bären. Dort taucht am Spätnachmittag am anderen Ende des großen Biberteiches ein Grizzly am Ufer auf. Zunächst knabbert er noch an Sträuchern und Grashalmen herum, bevor er sich plötzlich in die Fluten stürzt und quer durch den See direkt auf uns zugeschwommen kommt. Dieser Anblick ist schlichtweg überwältigend! Minutenlang guckt nur sein Kopf aus dem Wasser, manchmal taucht er auch ganz unter, um kurze Zeit später wieder schnaufend an die Wasseroberfläche zu kommen. Er angelt dann noch etwas nach Lachsen und entschwindet später unserem Blickfeld. Gegen 19.00 Uhr verlassen wir heute den Creek und essen im Bitter-Creek-Cafe zu Abend. Dann sinken wir müde ins Bett. Zuvor packen wir die verderblichen Lebensmittel in eine Tüte und hängen diese mangels Kühlschrank nach draußen vor unser Fenster. Gesichert haben wir den Proviant mit einem Hosengürtel von Horst! Bei den eisigen Nachttemperaturen kann uns so wenigstens nichts verderben. Auf dem gegenüberliegenden Parkplatz hat sich die Arizona-Lady einen Platz für die Nacht gesucht. Sie werden wir wohl morgen auch wieder am Fluss treffen.
Donnerstag, 17.9.98 - 23.746 km –
- Hyder, Fish-Creek -
Heute gibt es nur ein provisorisches Frühstück. Wie gestern ist es morgens eisig kalt. Am Fluss lässt sich kein Bär blicken, und es ist auffällig, dass die Lachse von Tag zu Tag weniger werden. Die Saison geht nun auch hier langsam aber sicher zu Ende. Da sich längere Zeit nichts tut, machen wir einen kurzen Abstecher ins Museum nach Hyder. Das lohnt sich aber nicht, von der angeschlossenen Bücherei einmal abgesehen. Das Museum in Stewart hat für diese Saison schon geschlossen. Nach dem Mittagessen im Bitter-Creek-Cafe geht's wieder zurück zum Fluss, wo alle immer noch auf einen Bären warten. Die Zahl der Bärenfreunde hat heute auch schon merklich abgenommen. Gegen 16.30 Uhr traut sich ein scheuer Schwarzbär aus dem Schutz der Bäume, angelt sich zweimal einen Lachs und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Das war dann wohl der letzte Bär, den wir hier zu Gesicht bekommen haben. Gegen 18.30 Uhr wollen wir aufgeben und ins Hotel zurückfahren, um unsere Koffer für morgen zu packen. Plötzlich stürzen die noch ausharrenden Touristen zum Flussufer. In der oberen Flussbiegung erscheint ein großer Grizzly und kommt eiligen Schrittes durch das Wasser gestiefelt. Es ist der größte Bär, den wir bisher gesehen haben. Er hat ein wunderschönes Bärengesicht mit fein verteilten helleren Haaren, die bis in den Nacken reichen. Bei den Rangern ist er schon seit langem als exzellenter Fischer bekannt. Sie haben ihm den Namen "Bill" gegeben. Bill fängt also ein paar Lachse, verspeist davon die besten Stücke und trottet dann um die nächste Flussbiegung davon. Wir möchten am liebsten noch Tage und Woche hier, um den Bären zuzusehen, aber morgen müssen wir wohl wirklich wieder Richtung Rockys aufbrechen, denn nächsten Donnerstag geht unser Flieger zurück nach Deutschland. Wir warten noch etwa eine halbe Stunde, weil wir hoffen, vielleicht noch einen Bären zu sehen, und machen uns dann auf den Weg zum Hotel. Unterwegs beschließen wir allerdings, morgen früh noch einmal hierher zu kommen, bevor wir dann endgültig Abschied vom Fish-Creek nehmen. Wir gehen ein letztes Mal im Bitter-Creek-Cafe; zum Mittagessen (am Samstag ist auch hier die Saison zu Ende, sie schließen dann). Anschließend ist Kofferpacken angesagt. Inzwischen ist es merklich wärmer geworden, so dass wir zum ersten Mal abends unsere dicken Sachen nicht anziehen müssen.
Freitag, 18.9.98 - 23.800 km –
- Fish-Creek, Burns Lake -
Am liebsten würden wir ja bis zum Urlaubsende hier bleiben, aber heute ist nun definitiv unsere Rückreise in die Rockys angesagt. Außerdem geht die Laichzeit der Lachse hier am Fish-Creek nun auch langsam zu Ende, und die Bären werden sich allmählich zurückziehen. Wir fahren nach dem Packen ein letztes mal zum Bärenfluss, und hoffen, dass wir zum Abschluss doch noch einmal einen zu Gesicht bekommen. Beim Autobepacken erzählen uns andere Deutsche, die im Motel gegenüber übernachtet haben, dass gestern abends nach unserer Abfahrt vom Creek dort noch die Grizzlymutter mit Klein-Grizzly aufgetaucht ist. Sie haben alles auf Video aufgenommen und zeigen uns den Film auf dem Parkplatz. Das ist der Film des Jahres! Wir ärgern uns sehr, dass wir gestern nicht noch eine halbe Stunde gewartet haben. Wir halten uns noch ungefähr eine Stunde am Fluss auf, reißen uns aber dann schweren Herzens gegen 11.00 Uhr von dort los, ohne hier noch einmal einen Bären gesehen zu haben. Allerdings haben wir auf dem Weg hierher auf einer Kiesbank im Flussdelta in der Ferne vorhin noch einen großen Grizzly gesehen. Er war aber zu weit weg, um ihn zu fotografieren. Mit dem Fernglas konnte man ihn allerdings noch ziemlich gut sehen. Ich meine, es ist der gleiche wie gestern abends gewesen.
Unterwegs halten wir noch einmal kurz am Bear-Glacier und fahren dann weiter Richtung Prince George. Auf dem Highway 37 sitzt plötzlich ein kleiner Schwarzbär am rechten Straßenrand und sucht nach noch fressbaren Gräsern und Blättern. Bei strahlendem Sonnenschein und fabelhaftem Herbstwetter mit leuchtenden Farben sind wir gegen 17.30 Uhr wieder mal in Burns Lake gelandet und etwas geschafft von der langen Autofahrt. Da wir nichts besseres finden, bleiben wir wieder im Burns-Motel und bekommen das gleiche Zimmer wie vor drei Jahren! Ich frage mich als erstes, was wohl morgen früh mit dem Toaster passiert (vor drei Jahren löste unser morgendlicher Toast dort die Brandsirene aus!). Im gegenüberliegenden Supermarkt frischen wir unsere Lebensmittelvorräte auf und rufen dann bei Paul und Barbara am Hidden-Lake an, um dort unsere Unterkunft für die nächsten zwei Tage zu reservieren. Anschließend gehen wir chinesisch essen. Inzwischen hat sich der Himmel ganz bewölkt. Morgen soll es schlechteres Wetter geben.
Samstag, 19.9.98 - 24.319 km -
- Prince George, Hidden Lake -
Entgegen meinen Befürchtungen gibt es heute morgen keinen "Toast-Alarm". Nachdem wir unser Auto wieder bepackt haben, versuchen wir, bei der Air Canada unseren Rückflug bestätigen zu lassen. Das klappt aber nicht, da die Telefonnummer anscheinend nicht stimmt. Wir telefonieren auch noch einmal nach Hause, wo es heute seit unsrer Abreise zum ersten mal nicht regnet. Wir haben heute auch wieder ein Riesenglück mit dem Wetter und blauen Himmel mit Sonnenschein. Gegen 11.00 Uhr sind wir dann endlich abreisebereit. Die Fahrt geht durch eine herrliche Herbstlandschaft des Indian Summers. Die ganze Gegend scheint in einen Farbtopf mit den schönsten Herbstfarben gefallen zu sein. Kurz vor Prince George tauchen dicke Wolken am Himmel auf, und plötzlich ist auch die Sonne verschwunden. Uns fällt auf einmal ein, dass Prince George ja einen Flughafen hat, also fahren wir dort vorbei und lassen uns am Air Canada Schalter unseren Rückflug bestätigen. Aus unerfindlichen Gründen ist hier keine Sitzplatzreservierung möglich, da der Flieger "full" ist! Was mag das schon wieder bedeuten? Auf unserer Weiterfahrt kommt kurz hinter der Stadt dann auch wieder die Sonne zum Vorschein. Vor uns liegen dann noch 250 km einsamste Strecke mit nichts anderem als Landschaft. Auch auf unserem Rückweg begegnen uns kaum Autos. In Mc. Bride halten wir kurz und kaufen uns Zutaten für unser heutiges Abendessen. Gegen 17.30 Uhr erreichen wir dann den Hidden-Lake. Barbaras Schwester mit Familie ist dort zu Besuch. Wir sitzen noch ein Weilchen mit ihnen zusammen auf der Terrasse und erzählen von unserem Bärenabenteuer. Unsere Begeisterung wirkt auf die anderen höchst ansteckend. Als Paul mit uns zu unserer Hütte geht, sind wir zunächst ein wenig enttäuscht, da unsere Unterkunft nämlich keine Küche hat. Wir haben vorher allerdings auch nicht danach gefragt, weil wir davon ausgegangen sind, dass nach dem Umbau der Cabins alle eine Kochecke haben und wir die kleine Cabin bekommen, wo wir vor drei Jahren gewohnt haben. Die anderen Hütten mit Küche sind natürlich alle besetzt. Was machen wir nun mit unseren Vorräten? Zum Glück ist es nachts so kalt, dass wir die Kühltasche mit den Lebensmitteln im Kofferraum lassen können. Zum Glück sind wir ja Meister im Improvisieren, und so summt bald das Wasser für unseren Tee im Reisetauchsieder. Zum Toast gibt es geräucherte Putenflügel und als Nachtisch Obst (wofür braucht man eigentlich eine Küche?). Obwohl es langsam dunkel wird, gehen wir noch zum See hinunter. Dort paddeln einige Biber durchs Wasser und beäugen uns neugierig nur wenige Meter vom Ufer entfernt. Dann klatschen ihre breiten Schwänze aufs Wasser, und sie verschwinden unter der Wasseroberfläche. Auf dem Rückweg reden wir uns noch ein wenig bei Paul und Barbara fest, die uns für morgen früh zum Frühstück einladen. Für unseren Rückweg zur Hütte geben sie uns noch eine Taschenlampe mit. Das ist eine gute Idee, denn inzwischen ist es stockdunkel und ohne Lampe wäre es sehr schwierig, unser Bett zwischen den Bäumen zu finden. Ich setze mich noch ein wenig draußen vor unsere Hütte und genieße den sternklaren Himmel mit der Milchstraße und die himmlische Ruhe Ruhe, die nur ab und zu von Käuzchenrufen unterbrochen wird.
Sonntag, 20.9.98 - 24.805 km -
- Hidden Lake -
Kurz nach 9.00 Uhr finden wir uns bei Paul und Barbara zum Frühstück ein, dass wir mit selbstgebackenem Brot und Kuchen genießen. Gegen 11.00 Uhr reißen wir uns endlich von dort los und gehen paddeln. Unten am See treffen wir auf zwei Bayerinnen, die gerade zwei Elchkühe durch den See haben schwimmen sehen. Wir paddeln fast eineinhalb Stunden von einem See-Ende zum anderen, ohne auch nur ein einziges Tier zu sehen (von Enten einmal abgesehen). Zurück in der Hütte genießen wir in der warmen Mittagssonne draußen am Picknicktisch unser Müsli. Horst packt seine Tasche neu, während ich draußen mein Tagebuch weiterschreibe und in dem mitgebrachten Taschenbuch lese. Gegen 17.00 Uhr gehen wir noch einmal paddeln und beobachten auf dem See zwei Biber und eine Wasserratte (niedliche Tiere, auch wenn unsere Mütter uns das nie und nimmer glauben). Nach dem Abendessen machen wir dann noch einmal einen Spaziergang zum Hidden-Lake und stehen längere Zeit in der Dunkelheit am Ufer. Außer Bibern und Fledermäusen lässt sich sonst aber kein anderes Tier mehr blicken. Dann verabschieden uns schon von Barbara, die morgen sehr früh nach Jasper fährt.


