Wir stechen in See...
Bis auf Inge haben alle gut geschlafen. Wir frühstücken ausgiebig in unserem "Wohnzimmer" mit Rundumsicht auf den Hafen und beschließen, den heutigen Tag noch zur Einstimmung zu nutzen und eine große Schleife über den Zeuthener See und die angrenzenden Gewässer zu ziehen.
Während des Frühstücks kommt es zu einem kleinen Zwischenfall. Einige 100 Meter von uns entfernt treibt ein fahruntüchtiges Motorboot genau auf unsere Anlegestelle zu. Der Bootsführer winkt uns und als ich auf dem Steg bin, ruft er mir zu, dass ihm der Motor ausgegangen sei und fragt, ob wir ihn mit unserem Boot nach Hause auf der gegenüberliegenden Seeseite abschleppen können. Das ist uns aber viel zu heikel, denn abgesehen von meinen mangelnden Kenntnissen ist es auch äußerst fraglich, ob eventuelle Schäden bei einem solchen Manöver durch die abgeschlossene Versicherung abgedeckt wären. Er wirft mir seine Leine zu und ich helfe ihm, am Steg anzulegen. Mit unserem Handy ruft er seinen Freund an, der ihn abschleppen wird.
Dann starten auch wir zu unserer ersten großen Rundfahrt, die über den Zeuthener und Langer See, einem Teilstück der Dahme, Müggelsee, Spree und über den Gosener Kanal und Seddinsee zurück nach Zeuthen gehen soll. Mister X. hat gestern gemeint, das wäre eine ideale Anfängertour, um sich an das Boot zu gewöhnen. Leider hatte er vergessen zu erwähnen, dass am Wochenende halb Berlin unterwegs ist und wir damit als Anfänger mittendrin...
Heute ist nicht nur Sonntag, wir haben ebensolches Wetter: strahlend blauen Himmel, geringe Luftfeuchtigkeit und das Thermometer klettert auf die 30°-Marke zu. Auf dem See herrscht reger Ausflugsverkehr. Motor- und Segelboote, Ausflugsdampfer, Kanuten und Kajakfahrer sowie hin und wieder ein Hausboot kreuzen auf der blauen im Sonnenschein glitzernden Wasserfläche. Auch viele Schwimmer sind unterwegs. An den Anlegestegen des Bootsverleihs, wo nicht nur Hausboote festgemacht haben, sondern auch Privatboote liegen, herrscht heute geschäftiges Treiben. Auf fast allen Booten ist die dazugehörige Besatzung anzutreffen. Manche machen wie wir auch bald die Leinen los, andere verbringen den ganzen Tag auf den Bootsplanken.
Die Anlegestelle verschwindet bald aus unserem Blick, als wir langsam auf den See hinausfahren. Naja, schnelles Fahren ist mit einem Hausboot, dessen Motor gedrosselt ist, sowieso nicht möglich. Maximal kann mit dem Ungetüm eine Geschwindigkeit von 10 km/Std. erreicht werden. Wie wir seit der Einweisung wissen und auch im Bordbuch nachlesen können, haben die Berufsschifffahrt, Segel- und Ruderboote Vorfahrt. Bald darauf erfahren wir hautnah, dass man insbesondere bei Segelbooten aufpassen muss, denn manche von ihnen flitzen mit einer ziemlichen Geschwindigkeit übers Wasser. Vorausschauendes Fahren von mir als Käpten ist da gefragt, und das ist manchmal gar nicht so einfach, wie wir bald darauf erfahren werden. Kurz, nachdem wir in den unteren Teil des Langer Sees eingefahren sind, sehen wir ein Polizeiboot, dass sich quer zur Fahrtrichtung stellt. Wir rätseln, was das wohl zu bedeuten hat. Rechts vom Polizeiboot fahren noch Motorboote vorbei, während sich die Wasserpolizei mit mehreren jungen Männern in einem schnellen Motor-Schlauchboot unterhält. Von unserem Hausboot nehmen sie keinerlei Notiz, so dass ich beschließe, links an ihnen vorbei zu fahren. Kurz nachdem wir ihr Boot passiert haben, wird uns schlagartig klar, warum es hier liegt. Am linken Seeufer befindet sich eine Segelschule, von der aus in Windeseile eine Armada von ca. 50 kleinen Segeljollen, jeweils mit einem jugendlichen Segelanfänger an Bord in unsere Richtung startet. Kurz darauf haben sie uns erreicht und einige kommen uns bedrohlich nahe. Inzwischen hatte ich schon einen Maschinen-Stopp eingelegt, so dass unser Schiff fast bewegungslos auf dem Wasser dümpelt. In den Gesichtern an Deck ist zu sehen, dass jeder hofft, es möge nichts passieren. Zwei der Segelboote entgehen nur knapp einem Zusammenstoß mit unserem robusten Hausboot. Von der Besatzung eines Rettungsschiffes werden wir angebrüllt, dass sie die gesamte Segelmannschaft vor uns gerettet hätten. Wir wissen gar nicht richtig, wie uns geschieht, zumal rechts von uns nun noch zwei Yachten ziemlich schnell an den Seglern vorbeifahren.
Nachdem wir uns von unserem Schrecken erholt haben, fahren wir weiter in Richtung Müggelsee. Auch hier herrscht dichter Bootsverkehr. Sogar ein Ausflugsschiff mit ca. 200 Personen an Bord fährt an uns vorbei. Auf dem Müggelsee haben viele ihre Boote am Seerand verankert und verbringen den Sonntag auf dem Wasser, wo es angenehm kühl und windig ist.
Obwohl wir von unserem Bootsverleiher sehr gutes Kartenmaterial bekommen haben, auf dem sogar jede einzelne Boje verzeichnet ist, zeigt sich wenig später, dass wir Landratten im Straßenkartenlesen besser sind - wir verpassen die Einfahrt in den Gosener Kanal und fahren stattdessen in den alten Spree Kanal. Eigentlich hätte uns dessen Enge schon warnen sollen. Kaum in den Wasserarm eingebogen, winken uns entgegen kommende Ruderer, dass wir hier falsch sind. Vorsichtig fahren wir im engen Kanal ein Stück rückwärts, drehen das Boot und rasieren dabei einige über dem Wasser hängende Sträucher mit dem Aufbau ab, was jedoch keinerlei Beschädigungen hinterlässt. Lediglich ein paar abgerissene Äste dekorieren nun das Schiff und machen das Deck für meine Besatzung noch etwas wohnlicher.
Im Müggelsee zieht gerade wieder ein Ausflugsdampfer vorbei. Wir nehmen an, dass er auch durch den Gosener Kanal fahren wird und heften uns an seine Fersen. Pardon, natürlich ans Heck...
Weit kommen wir nicht, denn plötzlich gibt es bei halber Motorkraft einen kleinen Ruck, ich höre die Aufregung der weiblichen Besatzung und merke dann erst, dass wir gar nicht mehr von der Stelle kommen. Der Käpten hat sich im seichten Uferwasser festgefahren! Der See wurde so schnell flach, dass unser Echolot gar keine Zeit mehr hatte, rechtzeitig zu reagieren. Erst jetzt piepst es unaufhörlich. Klar, wir stecken ja auch im Schlamm, womit eindeutig der Tiefgang von ca. 80 cm unterschritten ist. Vermutlich sieht Inge schon die morgige Schlagzeile in der Zeitung vor sich: "Titanic in Brandenburg". Aber nun zeigt sich, dass ich mich auf meine Besatzung verlassen kann. Die macht nämlich sofort den Vorschlag, wenn wir mit halber Kraft im Sand stecken geblieben sind, dann müssten wir es mit Vollgas wieder rückwärts heraus schaffen. Genauso funktioniert es auch und wenige Minuten später können wir erleichtert die Fahrt fortsetzen. Dem Boot ist auch nichts passiert, es hat ja lediglich im weichen Schlamm festgesessen.
Im Gosener Kanal, den wir kurz darauf erreichen, herrscht dichter Verkehr, fast wie auf einer Autobahn. Vor uns, links und rechts neben uns und hinter uns fahren Boote. Entsprechend viele kommen uns auch entgegen, so dass neben vorsichtiger Fahrweise auch immer wieder ausweichen angesagt ist. Dabei rumpelt es manchmal ein bisschen. Offensichtlich stößt das Schiff hin und wieder an die dicken Kieselsteine, mit denen der Kanalrand im schrägen Verlauf befestigt ist. Hat Mister X. gestern nicht behauptet, diese Tour wäre die ideale Anfängerstrecke für uns?
Unversehrt erreichen Schiff samt Besatzung den Seddiner See. Vor uns schaukelt ein Segelboot auf dem Wasser, dessen Skipper scheinbar gelangweilt am Ruder sitzt und sich einfach nur treiben lässt. Als das Boot schnell immer näher kommt, wird mir plötzlich klar, dass der sich gar nicht treiben lässt, sondern mit Motor fährt. Um einen Zusammenstoß zu vermeiden, drehen wir so schnell wie möglich ab, kommen dem Segler trotzdem ziemlich nahe, der daraufhin böse Worte in unsere Richtung brüllt. Ein bisschen rätselhaft ist es uns, warum nicht auch er kurzfristig seinen Kurs geändert, sondern stattdessen stur auf seinem Weg geblieben ist. Gilt auf dem Wasser etwa gegenseitige Rücksichtnahme nicht? Irgendwie bekommen wir immer mehr den Eindruck, dass Segler ein besonderes Völkchen sind. Na klar sind wir keine Profis auf dem Wasser, wir sind ja blutige Anfänger, aber mit ein wenig Rücksicht könnte man so manche brisante Situation entschärfen.
Ohne weitere Zwischenfälle erreichen wir nach den restlichen Kilometern auf dem Zeuthener See dann unsere Anlegestelle. Pech für uns, dass an unserem gestrigen Platz schon ein anderes Hausboot festgemacht hat. Wir müssen also rückwärts in der Parkbucht neben einem weiteren Boot anlegen. Ein Auto in eine schmale Garage zu fahren ist einfach. Da gibt es nicht etliche versiebte Anläufe, die irgendwann die volle Aufmerksamkeit an Land und Wasser auf sich ziehen...
Logbuch - Teil III
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