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Warum in die Ferne schweifen?

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Mann (Frau) über Bord...

Nachdem uns Mister X. heute Morgen bestätigt hat, dass wir gestern als pure Anfänger ziemlich mutig waren, die große Rundfahrt über den Müggelsee und den Gosener Kanal zu unternehmen (hmm, eine komplette Schiffsbesatzung kann sich doch nicht so verhört haben, denn genau diese hatte er uns doch vorgeschlagen!), entschließen wir uns, dass wir nach dem Frühstück mit unserer zuhause geplanten Tour beginnen werden. Bei strahlend blauem Himmel und steigenden Temperaturen heißt es nach dem Frühstück also: Leinen los!
Inzwischen sind wir ein gut eingespieltes Team. Jeder ist bei entsprechenden Manövern an seinem Platz, erfüllt seine Aufgabe und mir macht die Rolle als Käpten großen Spaß. Kein Wunder, sind mir doch gleich drei weibliche Wesen unterstellt, die auf mein Kommando hören, denn ich bin der einzige Mann an Bord, weil Bernd berufsbedingt nur stundenweise dabei sein kann.

Nachdem die Fender an Bord gezogen sind, ich den Befehl zum Leinen losmachen erteilt habe, tuckert unser schwimmendes Heim langsam auf den See hinaus und nimmt Kurs Richtung Süden. Heute nimmt auch jeder an Bord die herrliche Landschaft um uns herum viel bewusster wahr. In all den Aufregungen des gestrigen Tages ist das ein wenig untergegangen, obwohl wir zwischendurch auch immer mal wieder ganz ruhige Fahrstrecken hatten. Aber irgendwie kam man gar nicht groß dazu, die ruhig an uns vorbeiziehende Fluss- und Seenlandschaft richtig zu genießen, weil im nächsten Moment schon wieder irgend etwas Aufregendes passierte. Auch heute ist uns allen nicht so ganz wohl, denn schon nach wenigen Kilometern liegt die *** Schleuse "Neue Mühle" in Königs-Wusterhausen vor uns. Und genauso wenig Erfahrung, wie wir mit dem Boot haben, so wenig Erfahrung haben wir mit dem Passieren einer Schleuse, nämlich gar keine.
*** Der Ortsteil Neue Mühle, in dem sich auch die Schleuse befindet, wurde nach einer alten Wassermühle benannt. Diese existiert seit 1906 nicht mehr, wurde aber bereits im Landbuch von Kaiser Karl IV. erwähnt (1375). Die erste Schleuse über die Dahme entstand bereits im Jahr 1696, die heutige stammt aus 1868/69 und verbindet den Zeuthener See mit der Dahme. Fußgänger können von der separaten erhöhten Brücke dem Treiben auf dem Wasser zusehen. - PS: Seit Herbst 2008 ist die Fußgängerbrücke wegen Baufälligkeit gesperrt.

Nach einer kurzen Fahrt und spürbar steigender Aufregung bei der gesamten Schiffsbesatzung erreichen wir die Schleuse. Die Ampel steht auf Rot, so dass wir zunächst ein Stück vor dem Schleusentor an der Ufermauer anlegen, von Bord gehen und uns von der Fußgängerbrücke aus das Geschehen in der Schleusenkammer ansehen. Sieht gar nicht so schwer aus, wenn man weiß, wie es geht... Aber zusehen ist ja immer einfacher als selbst in der Situation zu sein. Zurück auf dem Hausboot besprechen wir, wer was zu tun hat und fahren dann ein kleines Stück um die Ecke, um dort auf die Einfahrtfreigabe in die Schleuse zu warten. Beim Anlegen passiert es dann.
Während Erika und Regina vorne die Leinen festmachen, versucht Inge das Gleiche hinten. Als es ihr nicht gelingt, die Leine von der Plattform aus um den Poller zu werfen, will sie an Land gehen, rutscht bei ihrem Sprung aus und schlägt mit der rechten Schulter zuerst der Länge nach auf der Kaimauer auf. Da ich vorne am Ruder noch mit dem Anlegemanöver beschäftigt bin, bekomme ich gar nicht mit, welches Drama sich hinter meinem Rücken abspielt. Erst Erikas Rufe lassen mich aufhorchen. Inge sitzt inzwischen leichenblass und mit schmerzverzerrtem Gesicht auf der Grasböschung. Soweit wir das feststellen können, ist offensichtlich nichts gebrochen, aber angesichts der starken Schmerzen und des Schocks ist das nicht mit letzter Gewissheit festzustellen. An eine Weiterfahrt ist jetzt erst mal nicht zu denken. Im Schleusenwärterhäuschen frage ich nach, ob wir für eine Weile hier liegenbleiben können, bis klar ist, ob wir unter diesen Umständen überhaupt unsere geplante Tour fortsetzen können.
Inge hat sich inzwischen ein wenig von ihrem Schock erholt und beginnt, schon wieder kleine Scherze zu machen. Ein gutes Zeichen! Sie meint, ein Sturz vom Schiff hätte ihr für ihre "Fallstudien" noch gefehlt (wer ihre anderen Reiseberichte gelesen hat, weiß, was sie damit meinte...). Aufgrund der anhaltenden starken Schmerzen und weil wir alle in Sorge sind, dass vielleicht doch etwas gebrochen oder angebrochen sein könnte, überreden wir sie zu einem Arztbesuch. Mit Regina macht sie sich auf den Weg zu einer glücklicherweise in Schleusennähe liegenden orthopädischen Praxis und ... trifft diese verschlossen an, weil Mittagspause ist. Als sich herausstellt, dass dort auch kein Röntgengerät zur Verfügung steht, sondern wir stattdessen ins Krankenhaus fahren müssten, fasst Inge nach der Besorgung von starken Schmerzmitteln den Entschluss, dass wir erst mal weiterfahren sollten. Falls es im Laufe des Tages zu Komplikationen oder einer Verschlechterung kommen sollte, müssten wir am Nachmittag umkehren.

Als ein mit Schlamm beladener Schubverband die Schleuse verlassen hat, machen wir die Leinen los. Inge muss aufgrund ihrer Verletzung vorläufig vom Dienst suspendiert werden, so dass Erika und Regina die Arbeit an den Leinen am Bug und Heck ganz alleine übernehmen müssen. Wenig später tuckern wir im Zeitlupentempo zusammen mit einer Yacht und einigen kleinen Booten in die Schleusekammer. Das Personal hat schon längst mitbekommen, dass wir blutige Anfänger sind und nimmt uns unsere Ängste vor dieser ersten Schleusenfahrt, in dem sie sich genau nebem unserem Schiff positionieren und uns mit Rat und Tat zur Seite stehen. Sie kennen ihre "Pappenheimer" genau und wissen sofort, wer Anfänger ist und wer nicht.
Von den vorherigen Ereignissen noch etwas mitgenommen, vergesse ich, den Motor in der Schleuse auszumachen. Normalerweise würde das eine Strafe von 150 Euro nach sich ziehen, aber die Schleusenwärterin macht uns rechtzeitig darauf aufmerksam und Wasserschutzpolizei ist zum Glück auch nicht in der Nähe.


Fortsetzung folgt!



Unsere Reisetipps

Da die Schleuse "Neue Mühle" im gleichnamigen Ortsteil von Königs Wusterhausen liegt, sollte man die Gelegenheit beim Schopf packen und sich den Ort einmal näher ansehen. Es gibt dort einiges zu entdecken.

Mittenwalde Das historische Mittenwalde

Königs Wusterhausen Wanderung durch Königs Wusterhausen