FRÜHLING AM LITTLE ATLIN LAKE
(15.5. - 1.6.2005)
Zweieinhalb Monate nach dem Winteraufenthalt am Little Atlin Lake kehrte ich mit Horst, der Schnee, Eis und Kälte nichts abgewinnen kann, in die Blockhütte am See zurück. Zum
ersten Mal nach all den vielen Kanada-Reisen wollten wir den Frühling im Yukon erleben. In diesem Jahr war die Eisdecke schon früh aufgebrochen. Als wir ankamen, sah man nur noch am anderen
Seeufer Eisschollen in einer Bucht treiben. Auf dem Wasser schwammen zahlreiche Wasservögel. In der Abenddämmerung saß ich oft auf meinem Baumstamm am Seeufer und hörte den unverwechselbaren
Rufen des Loons zu. Manchmal war ich auch morgens vor Sonnenaufgang am See und beobachtete, wie die Sonnenstrahlen die Bergspitzen in Flammen setzten. Kaum ein Laut war zu hören. Etwas, was
aussah wie ein kurzer Baumstamm, trieb am Ufer entlang und verharrte ganz plötzlich an der Stelle, an der ich auf dem Baumstumpf saß. Dann sah ich, was es war: Ein neugieriger Bieber beäugte mich
minutenlang, bevor er ganz ruhig von dannen schwamm.
Wir hatten einen Geländewagen gemietet, mit dem wir endlich mal die Schotterstraßen erobern wollten, die man mit einem Wohnmobil nicht fahren kann. Sei es, weil das Befahren im
Mietvertrag verboten war, oder weil die Straßenverhältnisse es nicht zuließen. Zu unseren Reiseplänen gehörte deshalb die South-Canol-Road, die sich von Johnsons Crossing bis zum Campbell Highway
220 km durch die Wildnis schlängelte. Die Canol Road hat ihre Entstehung der Ölpipeline zu verdanken, die 1942 von Norman Wells bis Whitehorse gebaut, aber nur wenige Jahre später wieder
stillgelegt wurde. Noch heute findet man viele Relikte aus dieser Zeit rechts und links der Schotterpiste, insbesondere aber auf dem nördlichen Teil.
Früh am Morgen machten wir uns bei strahlendem Sonnenschein auf den Weg. Von Mitte September bis in den Mai hinein ist diese Wildnisstraße gesperrt. Aufgrund des diesjährigen ungewöhnlich warmen
Frühjahrs war sie inzwischen für den Verkehr wieder frei gegeben. Der Beginn sah nicht gerade Vertrauen erweckend aus: eine riesige Baustelle, von der man sich nur schlecht vorstellen konnte,
dass das so etwas ähnliches wie eine Straße sein sollte. Ein Schild wies außerdem darauf hin, dass es auf den nächsten 226 km keinerlei Service gibt. Es hatte schon einen Hauch von Abenteuer,
denn diese Schotterstraße ist auch in den Sommermonaten alles andere als viel befahren. Uns begegneten an diesem Tag (einschließlich Rückfahrt) nur drei PKW... Im Gegenzug dazu bekamen wir
reichlich Tiere zu sehen: Elche, Stachelschweine, Schneeschuhasen - die hatten es noch nicht geschafft, ihre weißen Pfoten gegen braune einzutauschen - sowie etliche Schwarzbären kreuzten unseren
Weg. Zum Glück umschwirrten uns hier noch nicht so viele Moskitos wie an unserem See. Dort machten sie von Tag zu Tag mehr den Aufenthalt in den Abendstunden draußen fast unerträglich. In den
letzten Tagen traten sie teilweise in kleinen Wolkenformationen auf. Das kanadische Mückenschutzmittel half nur sehr begrenzt. Erträglicher wurde es, wenn man im Rauch des abendlichen Lagerfeuers
stand.
Die Canol Road führt durch eine wunderschöne Landschaft, immer wieder hatte man atemberaubende Ausblicke auf Berge, Täler, Seen und Flüsse. Der 28 km lange Quiet Lake, ein
Quellsee des Big Salmon Rivers, war bis auf die Ränder mit Eisschollen bedeckt. Ich stand fast auf den Tag genau 10 Monate nach der Kanutour wieder an seinem Ufer. Je weiter nördlich wir kamen,
je winterlicher wurde es. Die Schotterpiste war jedoch schnee- und eisfrei. Wenige Kilometer bevor wir den Campbell Highway erreichten, schlängelte sich die fahrzeugbreite Road an einem steilen
Hang oberhalb eines tosenden Flusses entlang. Unser Geländewagen kämpfte sich Meter für Meter durch rutschigen Matsch und tiefe Furchen, aber irgendwann hatten wir es dann geschafft. Nach dem
Auftanken in Ross River machten wir uns wieder auf den Rückweg. Die Landschaft sah auf einmal ganz anders aus, war aber immer noch atemberaubend schön. Wir waren begeistert, als wir irgendwann
spät abends wieder in unserem Blockhaus ankamen und waren uns einig, dass die Canol Road mit zu den schönsten Straßen zählt, die wir in Kanada und Alaska gefahren sind.
Wenig spektakulär verlief dagegen unsere Fahrt auf der Aishihik Road. Sie bot keine besonderen landschaftlichen Höhepunkte, und auch die dort lebenden Bisons bekamen wir leider
nicht zu Gesicht, so dass wir am Beginn des Ashihik Lake beschlossen, die Fahrt hier abzubrechen. Auf der Hinfahrt waren wir schon ziemlich entsetzt darüber, was man inzwischen aus dem Alaska
Highway gemacht hatte. Abgesehen davon, dass man durch eine nicht enden zu scheinende riesige Baustelle fuhr, war man dabei, die ehemals landschaftlich idyllische Straße mehr als Autobahn-breit
auszubauen. Es war unbeschreiblich, welch breite Schneise man durch den dichten Wald rechts und links des Highways geschlagen hatte. Das Verkehrsaufkommen konnte unmöglich der Grund dafür sein,
denn selbst in den Sommermonaten begegnet man auf den Straßen im Yukon nur wenigen Fahrzeugen. Ähnliche Aktivitäten hatten wir auf der Fahrt nach Skagway auf der Straße nach Tagish erlebt. Es
wird wohl nicht mehr lange dauern, dann werden die ehemals abenteuerlichen und landschaftlich so reizvollen Highways nur noch Erinnerung sein und auf Fotos existieren. Fest geplant (die
Fertigstellung soll schon 2007 sein) ist bereits der Bau einer Brücke über den Yukon bei Dawson. Dann wird auch die bisherige Fähre der Vergangenheit angehören. Und trotzdem: der Yukon ist und
bleibt ein traumhaftes Reiseziel.