Angekommen
1. TAG
(Inge)
Bei leicht bewölktem Himmel kamen wir am späten Vormittag auf der Pferderanch an und wurden dort stürmisch von den beiden Hunden Blacky und Frostbite (genannt Frosty) begrüßt. Rolf, der
Boss der Ranch, schaute dem Schauspiel amüsiert zu und meinte nur: "Bei uns haben die Tiere das Sagen". Wenig später kamen auch die beiden anderen Teilnehmer der Tour, Katja und Frank, und wir
lernten auch Ingrid, den weiblichen Boss der Ranch und Franziska, unsere zweite Tourbegleiterin kennen. Im Gegensatz zu uns brachten Katja und Frank schon Reiterfahrungen aus ihrer Kindheit mit.
Mir wurde immer mulmiger, denn zuhause nach der ersten Reitstunde mit AIDA verliefen die nächsten weniger erfolgreich, weil ich einfach im Sattel keine Sicherheit fand. Ganz anders verliefen die
Reitstunden, die Horst mit mir zusammen absolvierte. Er saß von der ersten Minute an im Sattel, als ob er in seinem Leben nie etwas anderes getan hätte, als mit einem Pferd durch die Gegend zu
reiten. Während ich jedes Mal mit gemischten Gefühlen zur nächsten Stunde ging, wurde seine Begeisterung fürs Reiten immer größer. Er brachte sogar das Kunststück fertig und galoppierte schon in
der dritten Stunde freihändig in der Halle herum.
Wir deponierten das Gepäck in unserer Unterkunft und trafen uns wenig später an den Pferdeställen. Nun standen wir also vor den Stallungen der Ranch und draußen im eingezäunten
Corral trabten munter neun Vierbeiner herum, die uns zum Teil neugierig beäugten. Welche Abenteuer würden sie wohl mit uns Neulingen zu überstehen haben? Ähnliche Gedanken gingen auch mir im Kopf
herum. Aber Rolf verstand es, mir gleich in den ersten Minuten meine Ängste zu nehmen. Ruhig und völlig überzeugend erklärte er uns, dass wir uns wirklich auf seine "Banausen" verlassen könnten,
denn sie wären absolut trittsicher. Was mich auch beruhigte, war die Tatsache, dass diese Yukon-Pferde nicht so groß waren wie diejenigen, auf denen ich bisher geritten war. Nach weiteren
ausführlichen Erklärungen über Zaumzeug, Sattel und den Umgang mit unseren Begleitern für die nächsten Tage wurde es dann Ernst. Die Bande wartete schon ungeduldig darauf, endlich gestriegelt und
gesattelt zu werden, damit wir zu unserer ersten Tagestour aufbrechen konnten. Ich spürte deutlich, dass sich meine Anspannung mit jedem Bürstenstrich immer mehr löste und auch CAT, mein
vierbeiniger Begleiter bei diesem Abenteuer trug seinen Teil dazu bei. Er war ein ganz ruhiges Pferd, von dem Horst im Verlauf der Tour irgendwann mal belustigt sagte, das wäre ein "Pferd für
reifere Damen". Ich dagegen konnte kaum ernst bleiben, als sich herausstellte, dass er die nächsten Tage auf dem Rücken von BUDDY verbringen sollte. Dies musste ein ganz besonders pfiffiges Pferd
sein, soviel hatten wir schon im Vorfeld von verschiedenen Seiten zu hören bekommen. Und diese Einschätzung sollte sich auch bewahrheiten. BUDDY war ein liebenswertes Schlitzohr und wir, d.h.
besonders Horst, vermissen ihn noch heute.
Dann waren die Pferde gesattelt, unsere persönlichen Utensilien wie Fotoapparat, Wasserflasche und Lunchpaket in den Satteltaschen verstaut, und ehe ich mich versah, saß ich auf
meinem Pferd und im äußerst bequemen Westernsattel. Vom ersten Augenblick an war das ein völlig anderes Reitgefühl als das, was ich bisher kannte. Ich fühlte mich auf meinem Pferd viel sicherer
als zuhause und meine Angst war wie weggeblasen. Rolf trabte mit MAGGIE, dem einzigen weiblichen Wesen in der Pferdebande vorneweg los, wir anderen folgten ihm gemütlichen Schrittes im
gebührenden Abstand: Horst auf BUDDY, ich mit CAT, Katja auf BUSTER, Frank auf RAVEN und als Letzte Franziska auf COSMO, von dem später noch die Rede sein wird.
Nachdem wir das Gelände der Ranch verlassen und die zu den Takhini Hot Springs führende Straße überquert hatten, ging es weiter durch Busch und Wald. Die Blätter an den Bäumen
hatten zum größten Teil schon begonnen, ihre herbstliche Färbung anzunehmen. Die ganze Landschaft leuchtete in der Sonne in den verschiedensten Gelb-, Rot- und Grüntönen und begeisterte uns fast
hinter jeder Wegbiegung aufs Neue. Nachdem wir zunächst durch einen lichten Wald und anschließend durch mannshohes Buschwerk geritten waren, brachten wir einen kleinen steilen Abhang erfolgreich
hinter uns und erreichten auf einer Lichtung einen See, der zu verlanden begann. Hier machten wir kurz Rast und ließen die Pferde grasen. Auch uns tat diese Pause gut. Entgegen aller vorherigen
Befürchtungen wurde nämlich nicht unser "Allerwertester", sondern unsere Beine und nach längerem Reiten insbesondere die Leisten- und Hüftgegend strapaziert, beim einen mehr, beim anderen
weniger.
Nach einer ausgiebigen Mittagspause am "Sunshine Lake", der seinem Namen alle Ehre machte und uns mit strahlendem Sonnenschein verwöhnte, ging es wieder zurück auf die Ranch. Und
jetzt zeigte sich, dass BUDDY keineswegs so harmlos war, wie er tat. Horst hatte mit ihm, wie wir anderen auch mit unseren vierbeinigen Gefährten, seinen Apfel aus dem Lunchpaket geteilt. Ich
hatte CAT direkt neben BUDDY am nächsten Baum festgebunden und war gerade dabei, meine Satteltasche zu verschließen, als ich von hinten einen kleinen Schubs in den Rücken bekam und merkte, dass
sich jemand an meiner Hosentasche zu schaffen machte. BUDDY war auf Inspektion, ob ich vielleicht noch etwas Fressbares dort versteckt hätte! Unser Rückweg führte uns an einem Hochplateau vorbei,
von dem aus wir einen grandiosen Blick über das Takhini Tal genießen konnten. Auch das Wetter meinte es gut mit uns, es war sonnig mit nur leichter Bewölkung und angenehmen Temperaturen. Als wir
spät nachmittags die Ranch erreichten und ich vom Pferd stieg, meinte Rolf mit einem Zwinkern zu mir, ich hätte mir inzwischen die Gangart von John Wayne zugelegt ... Die Pferde wurden
abgesattelt und bekamen eine Schüssel mit Hafer, den sie nach dem langen Ritt genüsslich verzehrten. Anschließend wälzten sie sich auf dem staubigen Boden, um ihr Rückgrat zu entkrampfen,
sprangen plötzlich auf die Hufe und rannten zur Tränke. Wenig später waren sie auf der riesigen Ranch verschwunden. Sie konnten sich dort überall frei bewegen, was man an den Pferdeäpfeln auch
vor dem Wohnhaus sehen konnte. Müde und geschafft vom langen Ausritt dieses ersten Tages bezogen wir unsere Cabin und genossen bei einem grandiosen Ausblick auf das Ibex-Valley bei Ingrid und
Rolf das köstliche Abendessen. Irgendwann lagen wir müde und geschafft in unseren Schlafsäcken. Aus der Ferne hörte man das Heulen der Huskys von Frank Turner, der auf der gegenüberliegenden
Talseite seinen Kennel hat.
2. TAG
(Inge)
Der Ausritt am nächsten Tag mit Ingrid war weitaus kürzer als der gestrige. An einem kleinen See holte uns bei einer kleinen Rast auf einmal eine andere Reitergruppe ein. Der Unterschied
zu unserer war auf den ersten Blick erkennbar. Es waren keine Westernreiter, denn offensichtlich pflegten sie den englischen Reitstil, trugen entsprechende Reitkleidung von Kopf bis Fuß und die
obligatorische Peitsche fehlte auch nicht. Wir ließen sie an uns vorbei reiten und Ingrid verriet ihnen auch nicht, ob der Pfad weiterführte und wohin. Sie und Rolf hatten sich mit ihren Pferden
in all den Jahren mühsam selbst ein Trailnetz angelegt, dass sie nun verständlicherweise nicht einfach so fremden Reitern zu Füßen legen wollten. Wir warteten ab, bis die Gruppe im tiefen Gebüsch
verschwunden war und machten uns dann auch auf den Weg.
In einem lichten Wäldchen verspeisten wir in gemütlicher Runde auf Baumstämmen unsere Lunchpakete und genossen die wunderschöne Herbstlandschaft um uns herum. Ich hatte den
Eindruck, als hätten sich die Farben seit gestern schon wieder geändert und auch Franziska meinte, sie wären intensiver geworden. Als ich meinen Fotoapparat wieder in der Satteltasche verstauen
wollte, machte CAT plötzlich einen Schritt nach hinten und im gleichen Augenblick wusste ich, wie schwer ein Pferd wirklich ist! Er stand mit dem linken Vorderhuf auf meinem Fuß! Zum Glück hatte
ich ziemlich robuste Wanderstiefel an. Ein zwischen den Zähnen hervor gepresstes "Autsch" schallte durch die Stille, als endlich der zentnerschwere Druck von meinem Fuß nachließ.
Für den freien Nachmittag war ursprünglich ein Ausflug zu den Takhini-Hot-Springs geplant gewesen, aber niemand von uns hatte an Badezeug gedacht. Stattdessen machten Horst und ich nach der
Rückkehr einen Spaziergang über die Ranch, die an einer Seite an das Ufer des Takhini grenzte. Auf dem 54 ha großen Grundstück gab es auch ein riesiges Haferfeld. Da die Jahreszeit zum Reifen des
Getreides hier oben im Yukon jedoch zu kurz ist, wird das Feld am Herbstende von den Pferden abgeweidet. Ein Festmahl für die Banausen! Nach dem Abendessen packten wir noch unsere Sachen für die
am anderen Tag beginnende Wildnistour zusammen und lagen bald darauf im warmen Schlafsack.
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