4. TAG (Horst)
Wider Erwarten haben wir sehr gut geschlafen, nur der Regen hat uns einmal geweckt. Die Temperaturen sind höher als gestern Abend. Rolf und Franziska sind schon auf, haben Feuer gemacht und sind dabei, das Frühstück zuzubereiten. Nach unserer Morgentoilette werden die Pferde getränkt, dann versammeln wir uns in der "Küche" zum Frühstück. Rolf hat heute Morgen Pfannekuchen gebacken, die vorzüglich schmecken. Daneben gibt es Brot, Käse, Wurst, Marmelade, Tee, Kaffee, Kakao, Müsli - alles vorhanden!

Nach dem Frühstück und Aufräumen im Camp werden die Pferde gesattelt. Rolf und Franziska müssen uns noch immer mit Rat und Tat zur Seite stehen. Es ist merkwürdig, dass ich mir von einer jungen Frau, die meine Tochter sein könnte, beim Satteln helfen lassen muss. Früher in den Wildwestfilmen hat das alles so einfach ausgesehen. Da hätte sich niemals ein Cowboy oder Revolverheld sein Pferd von einer Frau satteln lassen. Tja, die Zeiten haben sich geändert.
An diesem Morgen müssen wir unsere Regensachen überziehen. Es regnet zwar nicht mehr, aber Sträucher, Büsche und Bäume sind nass und die Regentropfen hätten unsere Kleidung bei unserem Ritt durch die Wildnis innerhalb kürzester Zeit völlig durchnässt. Wir werden heute einen Tagesritt machen und abends wieder ins Camp zurückkehren, deshalb werden wir die beiden Packpferde PATCHES und MEADOW auch zurück lassen.

Die Pferde sind heute Morgen sehr unruhig und knuffen sich ständig gegenseitig. Vielleicht hat es nachts aus irgendwelchen Gründen Streit im Corall gegeben. BUDDY ist augenscheinlich auch nicht in bester Laune, denn er zwickt mich aus nicht nachvollziehbaren Gründen auf einmal ins Bein. Ich habe keine Ahnung, was ich falsch gemacht habe, vielleicht waren die Streicheleinheiten auch nur nicht ausgiebig genug. Als wir eine große Kiesbank überqueren, kommt plötzlich im Galopp aus dem Gebüsch PATCHES angetrabt. Irgendwie hat er es geschafft, unter dem Elektrodraht des Corrals zu entwischen. Rolf beschließt, ihn einfach so mitlaufen zu lassen und mit einem triumphalen Ausdruck im Pferdegesicht galoppiert PATCHES an der gesamten Reitergruppe vorbei und setzt sich direkt hinter Rolf an die Spitze unserer Karawane.

Nach der Mittagsrast erreichen wir wenig später ein Seitental an der Minors Range. Zuvor führt der Trail aber noch über einen Schwindel erregenden Pfad mit einer ebensolchen Aussicht auf die wunderschöne Landschaft, die in leuchtenden Herbstfarben nun bei strahlend blauem Himmel vor uns liegt. Nach dem bisher steilsten und schmalsten Anstieg auf dieser Tour, bei dem es äußerst wichtig ist, sich ganz fest in der Pferdemähne festzukrallen, um nicht runter zu fallen (rechts und links geht es ca. 50 m steil bergab!), liegt dann ein ganz schmaler Bergrücken vor uns, den wir vorsichtig auf dem nur maximal 60 cm breiten Pfad überqueren. Inge ist etwas blass um die Nase. Ihr steckt wohl doch noch der Schreck vom gestrigen Sturz in den Knochen.
Als wir nach einer Weile das Plateau am Pilot Mountain erreichen, sind wir nicht alleine. Rolf trifft dort oben ein befreundetes Ehepaar. Die beiden haben ein Fernrohr aufgebaut und beobachten damit Dallschafe am gegenüberliegenden Hang. Obwohl die Tiere weiß sind, kann man sie mit dem bloßen Auge nicht erkennen und auch mit einem normalen Fernglas sieht man nicht mehr als sich bewegende weiße Punkte. Die Freunde von Rolf tragen an den Beinen Lederkleidung, sogenannte Chaps. Früher habe ich das immer für Angeberei gehalten. Heute dagegen weiß ich, dass dieser Schutz notwendig ist. Manchmal werden die Beine von Zweigen oder Sträuchern aus den Steigbügeln nach hinten gerissen, und nur die Tatsache, dass wir hohe und gut gefütterte Wanderstiefel anhaben, hat uns vor Verletzungen bewahrt.

Wir verspeisen bei traumhafter Aussicht auf die vor uns liegende bunte Landschaft unser Lunchpaket. Leider kommen heute die herrlichen Farben nicht so richtig zur Geltung, weil sich inzwischen die Sonne hinter dicken Wolken versteckt hat. An diesen wunderschönen Ort kommt man nur auf dem Pferderücken oder nach einer sehr langen Wanderung. Natürlich sind auch die Hunde hungrig und gehen auf die Jagd. Frosty kommt wenig später mit einem Kaninchen an, das er zur Hälfte frisst. Die andere Hälfte vergräbt er unter einem Strauch in einem tiefen Loch, scharrt Erde darüber und stampft mehrmals energisch nach, damit kein Geruch nach außen dringt und womöglich Blacky seine Beute stibitzt. Nach einer Stunde Rast machen wir uns wieder auf den Rückweg.
Ich beobachte die anderen Reiter, um zu sehen, was ich selbst noch falsch mache. Warum hat BUDDY mich heute Morgen wohl gezwickt? Wahrscheinlich habe ich die Zügel zu stramm gehalten und ihm damit wehgetan. Doch seine Rache sollte erst noch kommen. Weil Inge vom Sturz am Tag zuvor noch etwas ängstlich ist, gehen wir diesmal die steile und sehr schmale Passage über den Bergrücken zu Fuß runter. Ein Fehler, wie mir scheint, denn die Pferde gehen hier wesentlich sicherer als die Reiter. Gott sei Dank geht alles gut. Kurz bevor wir das Camp erreichen, schlägt Buddys Stunde. Er verzögert auf einmal das Tempo und tut so, als würde er fressen. Doch auf dem Boden wachsen nur Pflanzen, die er sonst immer verschmäht hat. Ich blicke nach vorne und sehe in ca. zwanzig Meter Entfernung einen Baum in gut einem Meter Höhe über dem Trail liegen. Danach führt der Weg den Abhang hinauf. Ich ahne, was mir jetzt bevorsteht und versuche im Schnelldurchgang die Lehren meines heimischen Reitlehrers auf dem Heidehof hervor zu kramen, denn BUDDY hat offensichtlich vor, dieses Hindernis im schnellen Galopp zu nehmen! Kurz nachdem Rolf und PATCHES, der Mitläufer, im Gestrüpp verschwunden sind, galoppiert BUDDY tatsächlich los. Weder das Ziehen der Zügel noch die laut gebrüllten Worte "Wow" was soviel heißt wie "stehen bleiben", können ihn von seinem Vorhaben abbringen. BUDDY springt über den Baumstamm und galoppiert im schnellen Tempo den Abhang hoch. Bevor auch er dann im Gebüsch verschwindet, dreht er kurz den Kopf. Ich glaube, er grinst! Rolf hat von all dem nichts mitbekommen, aber hinter mir höre ich Inge und Katja kichern. Schon zwei Tage vorher hat Rolf versucht mir klar zu machen, dass ich das Pferd kontrollieren soll und nicht das Pferd mich. Tja, niemand hört auf mich! Weder die Katze zuhause, noch die eigene Ehefrau, die Hunde nicht und BUDDY erst recht nicht!

Wenig später meint er, mir noch mal klar machen zu müssen, wer der eigentliche Boss von uns beiden ist. Nachdem wir ein langes Kiesbett mit zahlreichen Tierspuren überquert haben, stehen wir auf einmal vor einem steilen Abhang, der hinunter zum Fluss führt, durch den wir durch müssen. Ein großer, vom Wasser glatt geschliffener Felsbrocken begrenzt den Trail und Rolf bedeutet uns, langsam und vorsichtig rechts daran vorbei zu reiten, dabei Beine im Steigbügel nach vorne und den übrigen Körper zurücklehnen. Das ist ja auch alles kein Problem, zumal wir das schon öfters gemacht haben. Aber dann nimmt BUDDY plötzlich Anlauf, galoppiert genau über den glatten Fels, statt daran vorbei und nimmt einen völlig anderen Kurs als die übrigen Reiter, weil er am Ufer mal wieder etwas Fressbares entdeckt hat. Ich denke nur noch: „Das war´s, jetzt steigst Du ab, und das mitten im Fluss“. Aber es geht gut, und BUDDY weidet erst mal in aller Seelenruhe die köstlichen Pflanzen ab. Was Inge hinter mir gedacht hat, kann man an ihrer blass gewordenen Nasenspitze ablesen …

Am frühen Abend erreichen wir wieder unser Camp. Diesmal ist alles einfacher, weil jeder inzwischen weiß, was zu machen ist. Franziska kümmert sich um das Abendessen, die anderen tränken und füttern die Pferde. Heute Abend gibt es einen anderen leckeren Cowboyeintopf, diesmal mit weißen Bohnen und Hackfleisch. Es schmeckt wieder einmal köstlich. Auch auf Nachtisch müssen wir nicht verzichten. Nach dem Essen sitzen wir am knisternden Lagerfeuer in gemütlicher Runde und reden über dies und das. Frank und ich machen zwischendurch noch etwas Brennholz. Auch kommt eine kleine Diskussion auf, wie breit die Passage vor dem Plateau heute wirklich war. Einen Meter war sie nicht, einen halben Meter aber sicher. Wir einigen uns dann auf einen guten halben Meter. Dieser Teilabschnitt hat scheinbar bei allen seine Eindrücke hinterlassen. Irgendwie sind wir alle heute alle etwas geschafft, und außerdem fängt es jetzt auch an zu regnen, so dass wir uns bald in unsere Zelte verziehen.

MAI   2013

Polarlicht Alaska / Kanada
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