3. TAG (Horst)


A
m nächsten Morgen sitzen wir alle um den gemütlichen Frühstückstisch zusammen und jeder bemüht sich, sich die Aufregung wegen der bevorstehenden 3-Tage-Wildnistour nicht anmerken zu lassen. Lediglich die beiden Hunde sind außer Rand und Band, denn sie dürfen heute mit auf den Trip. Außerdem werden uns auch noch zwei Packpferde begleiten: PATCHES, der Boss der Pferdebande und MEADOW. Wenn man PATCHES zum ersten Mal sieht, kann man es kaum glauben, dass ausgerechnet er der Boss der Banausen sein soll: Ein kleines Pferdchen, eher einem Pony ähnlich, dem man auf dem ersten Blick keine Führungsqualitäten zutraut. Jedoch, ein Blick von ihm genügt und die Horde erstarrt in Ehrfurcht ...
Das Beladen der Packpferde ist eine Wissenschaft für sich und wir machen uns erst gar nicht die Mühe, es zu verstehen, denn in drei Tagen hätten wir es sowieso nicht gelernt. Rolf ist aufgrund langjähriger Erfahrung der Meinung, dass ein Pferd nur mit ca. 40 kg Gewicht bepackt werden sollte, denn es ist für das Pferd viel schwerer, eine Last zu tragen als einen Reiter, weil die Last starr ist und im Gegensatz zum Reiter nicht mitgehen kann. Als Proviant und unsere Ausrüstung auf den Pferden fest verschnürt sind, verlassen wir gegen 10.30 Uhr die Ranch. Ingrid fährt zunächst mit den Hunden im Auto voraus bis zur Stelle, wo der Reitpfad hinter der Straße in den Wald abbiegt und lässt sie erst dort laufen. Es war zu gefährlich, die Hunde schon von der Ranch aus mitlaufen zu lassen, denn besonders Blacky scheint keine Angst vor Autos zu haben. Er rennt nur allzu gerne mitten über die Straße und versucht, vorbeifahrenden Autos in die Reifen zu beißen!

Unser Weg führt zunächst über bekannte Trails. Nach ungefähr zwei Stunden verlassen wir den Pfad, und nun geht es immer weiter hinein in die Wildnis. Es geht steile Anstiege hinauf und ebenso steile Abhänge hinab. Oftmals müssen wir uns an Steilstrecken weit nach vorne beugen und uns an den Mähnen der Pferde festhalten, um nicht runter zu fallen. Geht es bergab, ist es genau umgekehrt, dann heißt es, die Beine in den Steigbügeln nach vorne zu nehmen und den Oberkörper zurück zu lehnen. Lange Zeit reiten wir durch dichtes Strauchwerk. Von weitem ahnt man gar nicht, wie hoch die Sträucher in Wirklichkeit sind. Sie verschlucken unsere gesamte Reitgruppe!! Weder unser Vorreiter Rolf mit den Packpferden, noch der Reiter hinter dem eigenen Pferd sind zu sehen. Ein Glück, dass die Pferde den Trail kennen. Wären wir alleine, hätten wir sehr schnell die Orientierung verloren, denn oftmals beträgt die Sicht in dem Sträuchergewirr nur wenige Meter. Wie auch in den Tagen zuvor sitzen wir nicht stundenlang im Sattel, steigen unterwegs immer mal wieder ab und gehen mit den Pferden ein Stück zu Fuß. Hierbei gibt es ein Problem, denn BUDDY geht meistens an keinem Grasbüschel vorbei und versucht laufend zu fressen. Damit wir die Geschwindigkeit der Gruppe mithalten, BUDDY aber trotzdem immer mal wieder hier und da saftige Grashalme fressen kann und sich dabei nicht auf die Führungsleine tritt, haben wir beiden eine besondere Technik entwickelt, und damit klappt es, den Anschluss an die Gruppe nicht zu verlieren. Zum Lunch rasten wir auf einer kleinen Lichtung.



(Inge)
B
evor wir das Lager erreichten, hatten wir noch mal Rast gemacht und zu diesem Zeitpunkt war ich vom Reiten dermaßen begeistert und euphorisch, dass ich zu Rolf meinte, ich könnte mir durchaus vorstellen, Westernreiten zuhause weiter zu machen. Ich fand das alles höchst entspannend und das war es wirklich. Ich konnte fühlen, wie all der Stress der letzten Monate mit jedem Trab mehr von mir abfiel, wozu ganz sicherlich auch die Stille und wunderschöne Landschaft beigetragen haben. Ich war wie jedes Mal auf unseren Yukon-Reisen wieder bei mir angekommen!

Dann ging es auf zur letzten Etappe durch ein Sumpfgebiet. Das sollte die letzte Schwierigkeit für diesen Tag sein sagte Rolf. Wir sollten die Pferde einfach laufen lassen, die würden ihren Weg schon finden. Also tat ich wie geheißen. Rolf vor mir, dahinter der Pferdeboss PATCHES, dann ich und hinter mir Horst und die anderen. Rolf war durch den Sumpf, PATCHES ebenfalls, mein CAT stapfte los und schlug plötzlich mitten im Sumpf einen anderen Weg als die Pferde vor ihm ein. Ich dachte noch: "Gut, Rolf hat gesagt, die Pferde wissen, was sie tun, also wird das schon richtig sein". Und schon stand CAT bis zum Bauch im schwarzen Modder, knickte mit den Vorderbeinen ein. "Was macht der denn da?“, dachte ich, saß aber noch fest im Sattel. Und dann schwang er sich mit einem mächtigen Satz aus dem Sumpf, ich fand keinen Halt mehr und hatte nur noch den einen Gedanken: "Wenn er jetzt umfällt, musst Du unbedingt zur anderen Seite fallen ..." CAT schwankte zur rechten Seite, rappelte sich aus dem Sumpfloch hoch und ich plumpste links vom Pferd. Zum Glück war dort an der Stelle ein kleiner Grashügel, so dass ich wenigstens nicht völlig in den Matsch fiel. Passiert war mir rein gar nichts, ich war ja sanft gelandet. Horst meinte hinterher, das wäre ein Bild für die Götter gewesen: Pferd ging in die Knie und ich wäre auf einmal aus dem Blickfeld entschwunden gewesen. Und dann erst mal der Anblick von hinten! Ich hätte ausgesehen, als hätte ich die Hose voll gehabt. Ich hatte meine nasse Hose zuerst gar nicht gemerkt, da ich unter der Jeans eine Thermohose trug und die wärmte herrlich. Auch nach einem Moorbad! Rolf nahm mich sichtlich erleichtert in den Arm, als er sah, dass mir nichts passiert war. In diesen Sekunden dachte ich an meine Kanutour auf dem Big Salmon und auch das allseits bekannte Kinderlied "Hoppe, hoppe Reiter...." schwirrte in meinem Kopf herum. Irgendwie schien ich eine Sammlerin verschiedener "Fall-Versionen" zu sein: Erst Stürze vom Huskyschlitten, dann aus dem Kanu ins kalte Wasser des Quiet Lakes und nun der Plumps im Sumpf. Was würde wohl als nächstes kommen? Inzwischen hatte Horst seine verlorene Kappe aus dem Sumpf gefischt und auch die anderen hatten wieder festen Boden unter den Füßen. Es war für alle nicht einfach gewesen, durch das Sumpfgebiet zu kommen, von dem Rolf sagte, hier wäre noch nie so viel Wasser gewesen wie diesmal. Nachdem wir uns alle von meiner unfreiwilligen Sondereinlage erholt hatten und mein anfänglicher Schock dem Vorsatz Platz machte: Jetzt erst recht! - ging es weiter.

MAI   2013

Polarlicht Alaska / Kanada
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