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Start ins Abenteuer
FREITAG, 07.12.01 - Köln -
Nun begann endlich das große Abenteuer für mich, dem ich schon seit Wochen entgegenfieberte. Es ging von Köln über Frankfurt, Vancouver nach Whitehorse in den Yukon. Der Wecker war für 4 Uhr gestellt. Nachdem ich die Kaffeemaschine angestellt hatte, ging ich noch kurz unter die Dusche ohne zu ahnen, dass diese für die nächsten beiden Woche meine letzte sein sollte. Alles war erledigt, zwar auf den letzten Drücker, aber immerhin.
Die letzte Woche vor der Abreise war schon recht stressig, da ich alle Einkäufe erst kurz vor Reiseantritt erledigen konnte. Weil ich so gut wie über keine Winterausrüstung verfügte, die den winterlichen Verhältnissen im Yukon entspricht, musste alles noch besorgt werden. So gesehen war das für mich mein erster richtiger Winterurlaub in meinem Leben.
Noch etwas schlaftrunken schlürfte ich meinen Kaffee und bestellte dann das Taxi, um zur S-Bahn zu kommen, die mich weiter zum Kölner Hauptbahnhof bringen sollte. Im Zug Richtung Frankfurt vertröstete ich mir die Zeit mit Kaffee und SMS-Nachrichten. Mal sehen, wen ich als erstes aus den Federn „simsen“ würde. Am Frankfurter Flughafen angekommen, ging ich sofort zum Check-in bei Lufthansa, um das Gepäck loszuwerden, da ich noch frühstücken wollte. Schließlich hatte ich noch gute vier bis fünf Stunden bis zum Abflug vor mir. Abgesehen davon knurrte inzwischen mein Magen! Keiner wird bestreiten, dass ein belegtes Brötchen für fast 8.-- DM schon Wucher ist. Bei Kaffee und belegten Brötchen machte ich mir einige Gedanken über die Sicherheitsvorkehrungen. Der 11. September mit seinen verheerenden Anschlägen in den USA war noch nicht so lange her. Ich sah zwar überall Sicherheitspersonal und Polizei, aber eigentlich hatte ich erwartet, dass man mich nach diesem schrecklichen Ereignis auf den Kopf stellen würde, was aber nicht der Fall war. Gegen 11 Uhr wollte ich noch ein Bier trinken und kratzte das letzte Kleingeld in DM zusammen, nachdem ich zuvor für das restliche Bargeld einige kanadische Dollar erworben hatte, um nicht völlig „mittellos“ nach Canada einzureisen. In Vancouver selbst wollte ich dann bei Bedarf meinen Geldvorrat weiter auffüllen. Ich erwartete schließlich keine Komplikationen mit meinen Kreditkarten. Eurocard und AMEX müssten ausreichen, schließlich wurden die Karten auch im Jahr zuvor bei einer Rundreise durch Canada von Calgary bis Tok und zurück anstandslos akzeptiert. Mein Restgeld reichte auch noch für ein zweites frisch gezapftes Bier. Nebenbei bemerkt, es war billiger als ein belegtes Brötchen!
Dann ging es endlich los. Der Flug selbst war langweilig wie immer, jedenfalls empfinde ich das so. Bei meinen häufigen Flügen nach San Francisco werden diese Langstreckenflüge zur Routine. Manche mögen sie als spannend empfinden, für mich sind zehn Stunden Autofahren erholsamer. Der Flug selbst bot leider keine sehenswerten Höhepunkte. Grönland und die North-West-Territories waren wegen der dichten Wolkendecke nicht zu sehen, schade! Dafür war das Menü im Flieger ein wahres Happening. Der Lachs, den man uns servierte, war geschmacklich ein echter Genuss, obwohl die Portion, wie bei Flügen üblich und gewohnt, eher einer Bettlermahlzeit entsprach.
Nach fast zehn Stunden Flugzeit befanden wir uns schließlich im Landeanflug auf Vancouver, es war kurz nach 14 Uhr Ortszeit. Die Stadt empfing uns mit prasselndem Regen und dabei dachte ich, dass wir hier mitten im Winter landen werden. Na klasse! Ich sehnte mich nach einem winterlichen Empfang und nicht nach einem trostlosen verregneten Vancouver. Nun war ich dort und musste mir darüber Gedanken machen, wie ich die vor mir liegende Nacht bis zum Weiterflug am nächsten Morgen Richtung Whitehorse verbringen konnte. Ein Hotel kam von vornherein nicht in Frage, weil ich durch den Jetlag spätestens um 1 Uhr nachts wieder aufwache. Wozu also Geld verschwenden? Bis zum Weiterflug am anderen Morgen war noch genügend Zeit, und ich beschloss, zuerst wieder das Gepäck zu deponieren. Nachdem ich meine kanadischen Dollar am Flughafen nach einigen Erfrischungen durchgebracht hatte, benötigte ich doch noch einige Dollars bis zum nächsten Morgen und machte mich auf die Suche nach einer Bank oder einem ATM-Automaten, um Bargeld abzuheben. Man mag es kaum glauben, aber es ist unmöglich, am Flughafen von Vancouver mit Eurocard/Master- oder AMex-Card an Geld zu kommen. Vancouver-Airport scheint wohl ein Paradies für die Royal Bank zu sein, und die unterstützen nur Visa und einige andere diffuse Kreditkarten. Na gut, meine Schuld dachte ich, obwohl ich mir einen gewissen Ärger über diese Provinzialität nicht verkneifen konnte. Irgendwann spät in der Nacht saß ich trotzdem noch an einer Bar und wartete auf den Flieger Richtung Whitehorse.
SAMSTAG, 08.12.01 - Vancouver -
So gegen 5 Uhr morgens war ich wieder am Flughafen und suchte nach einer Möglichkeit für ein gutes Frühstück. Obwohl völlig ungewohnt, entschloss ich mich für den klangvollen Namen "Yukon-Burger" mit der üblichen Belegung. Dazu gab es Starbucks Kaffee, der nach europäischen Maßstäben wirklich gut ist. Leider war das Wetter wie am Tag zuvor, von Schnee immer noch keine Spur. Beim Check-in nach Whitehorse traf ich dann noch auf zwei andere deutsche Blue-Kennels Gäste: Gudrun und Ute. Priska, eine weitere Teilnehmerin, befand sich zu diesem Zeitpunkt schon auf Blue-Kennels. Sie war das dritte weibliche Mitglied der kleinen Gruppe, die mich auf die Reise durch die Wildnis begleiten würde. Nun trat genau das ein, was ich ein wenig befürchtet hatte: Drei Mädels und ein Mann! In meinen Augen ist das keine gute Mischung, aber wir werden sehen, wie sich das entwickelt.
Mit zwei Stunden Verspätung hoben wir dann Richtung Whitehorse ab. Die Maschine selbst war nur zur Hälfte ausgelastet, Platz war also genügend vorhanden, um es sich bequem zu machen. Eine Viertelstunde nach dem Start riss die Wolkendecke etwas auf und ich konnte kurz die verschneiten Rocky Mountains sehen. Während des Flugs suchte ich nach meinen beiden Mitreisenden. Ich kam zu spät, denn das Sandmännchen war schon vorher zu Besuch.
Am Samstag Mittag landeten wir im verschneiten Whitehorse und wurden mit klirrender Kälte empfangen: -25 Grad! Mike, ein Angestellter von Blue-Kennels, nahm uns mit vorbereiteten Namensschildern in Empfang. Mike selbst entspricht tatsächlich dem Klischee eines Urgesteins aus dem Yukon. Man kann egal welchen Bildband aus der alten Goldrauschzeit aufschlagen und erkennt in ihm sofort einen dieser Abenteurer, gleichgültig, ob man nun das Gesicht oder die Kleidung betrachtet. Nach einer kurzen Begrüßung fuhren wir ins „Work World“, einen Outdoorladen, um dort unsere Ausrüstung zu vervollständigen. Meine war so gut wie komplett und ich benötigte nur noch ein paar gute Handschuhe. Den Rat von Mike nahm ich dankend an, mir Fäustlinge zu kaufen. Nur die, die er für den Zweck vorsah, waren nicht auf Lager. Bei den Damen sah das etwas anders aus und ich richtete mich schon auf eine mittlere Einkaufsprocedere ein. Im Geschäft schallte es dann nur: „ Mike hier und Mike da“! Ich war froh, nicht in seiner Haut stecken zu müssen und im Stillen amüsierte ich mich, wie er ins schwitzen kam. Unser Besuch im benachbarten Liquore Store gestaltete sich dann kürzer.
Entlang des Alaska Highways ging es anschließend durch die grandiose winterliche Landschaft nach Blue Kennels. Nur vereinzelt kamen uns auf dem gut zu befahrenen Alaska Hwy noch Fahrzeuge entgegen. Einmal setzte Mike zu einem Überholmanöver an: eine Joggerin. Auch ein Wolf, der plötzlich aus dem verschneiten Wald auftauchte, wollte den Highway überqueren. Er lief einige Meter parallel zur Straße, um dann wieder in den schützenden Wald abzutauchen. Wahrscheinlich war für ihn zuviel Verkehr auf der Straße. Nach etwas mehr als einer Stunde Fahrt bog der Van plötzlich rechts ab und der Wagen kämpfte sich über einen verschneiten Pfad zum Camp durch.Kaum waren wir ausgestiegen, empfing uns Hundegebell und Husky "Big Otis" versuchte, sich bei uns Neuen beliebt zu machen. Ich glaube, er wusste, wenn ein Auto mit Gästen anrollt musste er das tun, denn er wollte bei der anstehenden Tour unbedingt dabei sein.
Es war, wie erwartet recht spät geworden, als wir in Blue Kennels ankamen und der Tag war schon zu weit fortgeschritten, um noch am selben Nachmittag eine Einführung in den Hundeschlittenumgang zu bekommen. Die Zeit reichte noch für einen Rundgang durch das Camp, bevor es dunkel wurde. Eine grobe Schätzung ergab, dass hier weit mehr als 100 Alaska Huskys leben mussten. Nach einem Gang durch die Reihen und der stürmischen Begrüßung durch die Hunde, sobald man sich in ihre Reichweite wagte, suchten wir unsere Unterkunft auf. Auf uns warteten kleine gemütliche Holzblockhäuser ohne Strom, ohne Telefon, ohne Bad... Fließendes Wasser? Fehlanzeige. Mal sehen, wie man sich das Duschen hier vorzustellen hat. Zuerst mussten wir die Cabin erst mal tüchtig einheizen, da es in der Hütte bitterkalt war; draußen herrschten -27 Grad. Zum Glück mussten wir nicht auch noch Holz spalten, denn dieses lag schon gescheitet neben dem Yukon Ofen. Ich heizte den an, während die Damen mit Geplärr die Betten und Regale stürmten und sich breit machten. Beim Feuermachen kamen mir schon die ersten dunklen Gedanken, wer wohl das Holz nachts nachlegen wird? Denn eins war mir klar, das würde niemals die ganze Nacht durchbrennen, zumal morgens der große Kessel auf dem Yukonofen warm sein muss, um zumindest warmes Wasser zum waschen zu haben. Das Plumpsklo befand sich auch noch 40 Meter von den Hütten entfernt und auch hier bestand akute Frostgefahr.
Am Abend saßen wir dann alle zum Abendessen im Haupthaus. Mittlerweile fiel das Thermometer auf unter -30 Grad und der abendliche Sternenhimmel lud trotz Kälte zum träumen ein. Die Sterne funkelten nicht, sie brannten am wolkenlosen Nachthimmel. Wir waren aber alle wegen des langen Fluges ziemlich müde und verschwanden recht schnell in unseren Betten. Wie erwartet war ich der Erste, der nachts aufstand, um das Feuer am lodern zu halten. Natürlich ging das nicht ohne Lärm ab und der Zorn der Götter war mir sicher.








