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Ein Traum geht zu Ende

MITTWOCH 19.12.01

Das Thermometer am Morgen zeigte wieder –35 Grad an und ich freute mich auf die nun anstehende Tour in die Wildnis. Der Tag davor war zwar so gesehen ein Ausfall, insgesamt aber waren wir um eine außerordentliche Erfahrung reicher, –50 Grad erlebt zu haben. Ich stand noch immer unter dem Einfluss dieser bizarren Kälte und der Eismassen, die den Kluane Lake bedeckten. Das wird vielleicht den einen oder anderen nicht vom Hocker reißen, aber man muss das selbst erlebt haben, um sich ein Urteil darüber zu erlauben, welche anziehende Faszination sich dahinter verbirgt.

Es mag vielleicht noch andere Orte in Kanada oder Alaska geben, in denen man in der Eiswüste hinter dem Polarkreis sein Niemandsland findet. Sie alle haben aber einen schwerwiegenden Nachteil, sie sidn von Europa aus nämlich nur über eine sehr lange Anreise zu erreichen. Höchst ärgerlich ist dabei auch, dass die meisten Touren kaum über eine Woche Dauer angeboten werden und sich daher der Aufwand in meinen Augen kaum lohnt, von Europa aus anzureisen. Das alles läuft nämlich darauf hinaus, sich mit einem Buschflugzeug einfliegen zu lassen oder aber noch zehn Stunden mit dem Auto ins eigentliche Zielgebiet fahren zu müssen. Natürlich kann man auch nach Nordeuropa ins Dreiländereck fahren: Norwegen, Schweden und Finnland. Aber was da abgeht, ist in meinen Augen reine Geldschneiderei. So gesehen haben mich die zwei Wochen Yukon weniger gekostet als in Europa. Ich war jedenfalls mit meiner Wahl vollauf zufrieden, und während ich mich vor der Türe mit einer Zigarette und einem Kaffee beschäftigte, kam auch Gudrun nach draußen, um mir Gesellschaft zu leisten. Auch sie freute sich, dass es heute wieder auf Tour gehen sollte und sah genau wie ich schon das drohende Ende dieses Abenteuerurlaubs vor Augen.
Nach dem Frühstück wurden die Schlitten mit der Ausrüstung bepackt, die wir für die verbliebenen Tage benötigten. Ich wäre gerne mit dem Gespann Richtung Kluane gefahren, aber das war wegen des verlorenen Tages leider nicht mehr möglich, und wir mussten deshalb eine andere Route einschlagen. Die Hunde waren nach dem gestrigen Ruhetag besonders frisch und ausgeruht. Vorsichtshalber hatte ich COON, den Unruhestifter, als Letzten ins Gespann genommen, um für ihn die Wartezeit bis zum Start so kurz wie möglich zu gestalten. Mit angezogener „Handbremse“ ging es ins Nadelöhr und in die darauf folgende enge Kurve. Gegenüber den Tagesetappen in den Tagen zuvor ging es wieder in eine landschaftlich spannendere Gegend mit vielen kleinen Hügeln und steilen Abfahrten. Hierbei hatte es sich mittlerweile bewährt, immer genügend Abstand zum vorausfahrenden Gespann zu haben und es in Ruhe über den Hang kommen zu lassen. Das hat den Vorteil, dass man den eigenen Schwung mitnehmen kann und falls der Vorausfahrende im Hang stecken bleibt, man selbst nicht mitten am Berg stehen bleiben muss. Gelegentlich geht es auch ziemlich steil bergab, zwar nur kurz, aber es reicht, um sein eigenes Gespann über den Haufen zu fahren. Um dies zu vermeiden, ist es am besten, die Zugleine durch bremsen in Spannung zu halten, so dass die Hunde auch bergab gerade noch den Schlitten etwas ziehen. Für unnötigen Übermut bezahlen sie und nicht der Musher, der allenfalls nur in den Schnee plumpst.

Wir waren alle gut gelaunt und während der Tour fing Patrick an zu singen, seine französisch-kanadische Herkunft war nicht zu leugnen. Inbrünstig posaunte er „Blueberry Hill“ in die stillen Winterwälder des Yukon und da ich auch die ganze „Melodei“ kannte, übernahm ich die zweite Stimme im Chor! Wir glitten wechselnd an Tannen und Laubbäumen vorbei und dabei weckten ein paar Spuren neben dem Trail meine Neugierde. Ich bin zwar kein Fährtenleser, aber eine frische Spur von einer verwitterten konnte ich schon unterscheiden und ohne Zweifel mussten mehrere Wölfe im Laufe des Tages hier diesen Weg gekreuzt haben. COON schien dieser kleine Stopp überhaupt nicht zu gefallen. Während alle andere Huskys brav im Schnee saßen, war er der einzige, der wie eine Eins stand und am gesicherten Gespann herumzerrte. Kurze Zeit später hielten wir zur Rast an und wir suchten zusammen nach brennbarem Unterholz, auf dem dann unser Sandwich oder Würstchen gegrillt wurden. Meine zweite Wurst reservierte ich in der Regel für mein Team und verteilte sie mit einigen Streicheleinheiten für die getane Arbeit. Das kleine Feuer nahm so mancher auch zum Anlass, seine Arbeitshandschuhe wieder zu trocknen. COON ließ ich während dieser Pause nicht aus den Augen, da er ein schlechtes Sitzfleisch hatte und wieder weiter wollte. Auch im Nachbargespann schienen die Hormone durchzuknallen, denn die Hunde benahmen sich, als würde der Frühling vor der Türe stehen...

Von einer Anhöhe aus beobachteten wir, wie Joycline und ihr Gespann sich ihren Weg durch eine vereiste Sumpflandschaft bahnten. Nachdem wir den Hügel einer nach dem anderen heruntergefahren waren, wurde eine scharfe Linkskurve, die uns auf einen vereisten Trail in das Sumpfgebiet führte, zum Stolperstein. Auf dem Eis kam ein Schlitten ins Schleudern und kippte um. Ein Topfdeckel kullerte dabei zu unserer Belustigung wie eine verlorene Radkappe über die Eisfläche. Die Sonne zauberte ihr abendliches Lichtspiel in die verschneiten Kronen der Berge und auch für uns wurde es Zeit, unseren Lagerplatz aufzusuchen. Wir näherten uns einer tiefen Schlucht, von der aus wir eine serpentinenar- tige Abfahrt ins Tal finden mussten. Manövrierfähigkeit und Geschick mit dem Schlitten waren gefordert und mit Vorsicht bahnten wir unseren Weg den steilen Weg hinab zum Lager. Da sich diesmal kein See in der Nähe befand und wir kein Loch ins Eis fräsen konnten, mussten wir Schnee in den Töpfen zum Schmelzen bringen. Der Yukonofen und ein Kocher wurden zum Glühen gebracht und ich hätte nicht gedacht, dass es so lange dauert, bis so ein 10-Liter-Topf voller Schnee zum Schmelzen gebracht wird. Hier, nahe dem Kluane NP, wurde es wegen der Berge früher dunkel und ohne Stirnlampe funktionierte überhaupt nichts mehr. Kleine Steaks mit Bratkartoffeln brutzelten für uns vor sich hin und auch ein Umtrunk wurde im Team verteilt. Bei einem Lagerfeuer verbrachten wir bis weit nach Mitternacht die Zeit im Freien, bis einer nach dem anderen seinen Weg in den Schlafsack fand. Falls ich jemals wieder so eine Tour machen sollte, war eins gewiss; eine Luftmatratze wird dabei sein. Denn nur so auf einer Isomatte zu liegen, ist einfach zu hart und ungemütlich.



DONNERSTAG 20.12.01


Als ich aufwachte, starrte ich noch etwas verschlafen auf die Kaffeekanne. Nur schade, dass die Kanne nicht leise vor sich hin pfiff und zum Einschütten bereitstand. Nur noch zwei Scheite Holz standen zu Verfügung, womit sich kaum der Ofen befeuern ließ. So begann der Tag mit etwas Frühsport und die Säge quälte sich durch das Holz. CINDY und CORY beobachteten mein Tun aufmerksam, wussten sie doch, dass es von mir immer ein paar Brocken Fleisch gab am Morgen. Aber wie sollte man auch diesen Blicken widerstehen können? Und einige Stückchen ließen sich immer im Schnee finden. Ein heißer Kaffe war nun fertig und ich setzte mich draußen zu meinen Hunden hin und verteilte die Fleischbrocken. Wie ich so da saß, legte sich CINDY neben mich hin und schien von meinem Kaffeebecher sehr angetan zu sein, denn sie stupste mit der Nase immer in Richtung meines Bechers. So langsam schien der Kaffee die Geister im Zelt zu erwecken und einer nach dem anderen trottete aus dem Zelt. Der eine mit dem Becher in der Hand, der andere um den Weg zum Klo einzuschlagen. Joycline war auch sofort dabei, das Frühstück zu machen und nach einigen Minuten befanden sich schon die ersten Pancakes auf dem Teller.

Heute dachte ich seit langem wieder zum ersten Mal, dass ich gerne wieder unter der Dusche stehen würde, da es langsam Zeit wurde, dass der Schweiß von einer Woche auch mal runter käme. Morgen Abend, wenn ich in Whitehorse bin, wird das meine erste Aktion im Hotel sein, ein ausgiebiges Bad zu nehmen. In einem zweiten Gedanken musste ich mich auch langsam mit der Tatsache abfinden, dass diese Tour bald zu Ende sein würde und mein Schreibtisch im Büro schon auf mich wartete.
Es wäre schön gewesen, wenn wir Vollmond gehabt hätten, um die Landschaft mal in einem hell erleuchteten weißen Gewand zu sehen. So konnte ich mir bei dem bisschen Mond, der am Himmel schien, nur so ungefähr vorstellen, wie es sein könnte. Das Thermometer zeigte knapp unter –30 Grad an, also nichts Ungewöhnliches mehr für mich, wie nach den ersten Tagen nach meiner Ankunft im Yukon. Allerdings weiß ich auch nicht was geschieht, wenn jemand hier draußen eine tüchtige Erkältung bekommt und mit Fieber herumläuft. Wenn das passiert, darf man bestimmt nicht zimperlich sein.
Ich hatte mal wieder keine Ahnung, wo wir hier waren, und für mich war das auch gar nicht wichtig genug, um exakt zu wissen, welche Wege man hier zurückgelegt hat. Vieles hat hier auch einfach keinen Namen mehr und man befand sich irgendwo im Yukon, und das war es halt; kein Krach, kaum Menschen, keine Mücken. Es sei denn, man stolpert über einen Treck Japaner. Mir kam schon zuhause zu Ohren, dass die Japaner einen extravaganten Zeugungstick haben und die Familienplanung gerne unter einem Nordlicht vollziehen. Die Kinder sollen dadurch mit einer besonders günstigen Begabung zur Welt kommen. Wie man sich das nun in freier Wildbahn und in dieser Kälte im Einzelnen vorzustellen hat, überlasse ich schmunzelnd der Phantasie des Lesers... Biwaks mit Panoramadach oder doch Open air? Ich weiß aber durch eigene Recherche, dass in der Gegend um Yellowknife, wo es besonders viele und schöne Nordlichter geben soll, die Japaner zu diesem Zweck regelrecht mit dem Flieger herangekarrt werden.

Am Nachmittag während unserer üblichen Stopps, hatten wir einige Mühe, etwas brennbares Unterholz für unsere Snacks zu finden. Alles schien tief unter dem Schnee zu liegen und wir durften zum ersten Mal das Holz unter dem Schnee suchen. COON schien von der Pause überhaupt nicht begeistert zu sein. Aber nach einiger Zeit und einigen Tätscheleien hatte er sich beruhigt und kapiert, dass er sich mit der Pause abfinden musste. Bei diesem Gespann achtete ich sehr darauf, den Dreizack ordentlich in den Schnee zu rammen und mein Gespann gut zu sichern.

Gegenüber sonst war das Holz sehr feucht und jeder Indianer hätte uns vor hundert Jahren sofort entdeckt, denn es hat ordentlich gequalmt. Patrick verteilte unter uns großzügig seinen Yukon Jack in den Tee, man ist ja auch sonst nicht wählerisch, wenn es kalt ist...Wir waren sehr lange unterwegs und erst kurz vor Einbruch der Dunkelheit fanden wir den Weg zurück ins Lager. Viel Holz musste gesägt werden, damit auch die nachfolgenden Teilnehmer genügend davon für ihre erste Nacht vorfinden konnten.



FREITAG 21.12.01

Der letzte Tag der Tour brach an und morgen wird es untrüglich wieder nach Hause gehen. Beim Rundgang am Morgen hielt ich wieder verzweifelt Ausschau nach einem Nordlicht, nicht ahnend, dass just zur selben Zeit im Basiscamp bei Whitehorse eins zu sehen war, So ein Mist! Aber so ist das nun mal. Sorgfältig wurde alles im Schlitten verstaut und wir mussten den steilen Hang wieder hinauf, auf dem wir gestern heruntergekommen sind. Ein letztes Mal schnaufte ich einen Berg hinauf. Jeder Zentimeter zurück Richtung Haines Junction war nun eine persönliche Abschiedserklärung an die herrlichen zwei Wochen, die ich hier in Haines Junction und Whitehorse verbringen und erleben konnte. Auf der Fahrt zurück versuchte ich die Eindrücke und die Schönheit der Landschaft bleibend aufzusaugen. Selbst COON konnte nun machen was er wollte, zu abgelenkt war ich, während das Panorama an mir vorbei zog. Spät am Nachmittag kamen wir in Haines Junction an und machten uns auf, schnell unser Gepäck zu verstauen. Die Hunde mussten nicht wieder zurück transportiert werden und blieben hier. Ich fischte eine Wurst aus meiner Tasche, die ich bei der Rast für mein Gespann gesichert hatte und nun unter BJ, AMIGO, COON, CORY und CHINTY verteilte. Im Basiscamp von Whitehorse machten wir noch mal einen kurzen Halt, um unsere Expeditionsausrüstung abzugeben. Selbstverständlich suchte ich noch mal mein Gespann aus der ersten Woche auf, um die zweite Wurst auf die Mäuler zu verteilen.

Die Vororte von Whitehorse standen schon im Zeichen von Weihnachten und viele Häuser waren mit Lichterketten geschmückt. Nach der Dusche im Hotel machte ich mich zu Fuß auf, um einige kleine Besorgungen in der Mainstreet zu machen. Später trafen wir uns noch, um ein Abendessen miteinander zu verbringen und das Ende dieser Reise zu begießen.


SAMSTAG 22.12.01 - Whitehorse Airport:

Und Tschüss!

Aber ich komme wieder............