5. TAG
(Horst)
Wir schlafen tief und fest, nur einmal weckt uns nachts ein Regenschauer. Am anderen Morgen wachen wir zeitig auf, können uns jedoch nicht überwinden, aus dem kuschelig warmen Schlafsack zu kommen. Im Nachbarzelt hören wir bei Katja und Frank auch noch Gemurmel. Die beiden haben scheinbar die gleichen Schwierigkeiten wie wir. Wenig später klopft einer der Hunde mit dem Schwanz energisch gegen unser Zelt, ein eindeutiges Zeichen, dass die Nacht für uns zu Ende ist. Wir steigen in unsere kalte Kleidung und machen unsere Morgentoilette am Fluss. Nach einem ausgiebigen Frühstück am wärmenden Feuer geht es daran, die Sachen zusammen zu packen, denn heute reiten wir wieder zurück auf die Ranch. Die Regenwolken des gestrigen Abends und der vergangenen Nacht haben sich ganz verzogen und einem strahlend blauem sonnigen Herbsthimmel Platz gemacht. Die Zelte bleiben stehen für die Abenteurer, die noch nach uns kommen. Wir fegen sie sauber aus, alles andere wird in Aluboxen sicher verstaut. Nach dem Putzen und Satteln der Pferde werden auch die beiden Packpferde wieder bepackt. Sie werden nicht an der Leine geführt, sondern laufen einfach frei in der Gruppe mit, PATCHES selbstverständlich immer voran.
Mit Rolf zusammen reite ich ein Stück voraus, weil wir einen guten Platz finden wollen, wo ich beim Überqueren des Flusses unsere Reitgruppe fotografieren will. Rolf und Franziska haben heute die Pferde getauscht. Franziska ist Cosmos Marotten leid, und so reitet sie vorne und Rolf als Schlusslicht hinterher. Mittags machen wir bei strahlendem Sonnenschein Rast auf einer großen Wiese, wo die Pferde zum Grasen frei herumlaufen dürfen. Und hier liefert COSMO dann ein Schauspiel der besonderen Art ab, so dass uns völlig klar wird, was Franziska heute Morgen gemeint hat, als sie von Marotten sprach. Wir haben kaum unsere Lunchpakete aus den Satteltaschen geholt, als COSMO die Verfolgung aufnimmt. Besonders Inge scheint er aufs Korn genommen zu haben. Sie versucht, die Tüte mit dem leckeren Apfel und dem Sandwich hinter dem Rücken zu verstecken. Weil er nun nicht mehr ohne weiteres an die Leckereien kommt, versucht er einfach, sie umzustoßen, und Inge flüchtet. COSMO ist schneller und hat sie bald eingeholt und das Spiel beginnt von vorne. Nach dem dritten Versuch ist Rolf es leid und bindet ihn am Baum fest. Wir lassen uns wieder im Gras nieder und genießen Sonne und die milden Temperaturen. Plötzlich spürt Inge einen heißen Atem im Genick und springt erschreckt auf. Aus dem Hinterhalt hat sich COSMO herangeschlichen und startet den nächsten Angriff auf ihr Mittagessen. Er ist der Entfesselungskünstler der Banausen. Kaum ein Knoten ist vor ihm sicher. Auch dieser hier hat seinem Ausbruchsversuch nicht lange standgehalten...
Wir reiten weiter und erreichen bald einen kleinen See mit einem breiten sandigen Rand. Als die Packpferde das Wasser entdecken, traben sie los, um zu saufen. Die anderen Pferde laufen kurzerhand hinterher. Rolf erkennt auf den ersten Blick die gefährliche Situation und gibt klare und unmissverständliche Anweisungen an alle. Mit energischem Kicken und Ziehen an den Zügeln bringen wir unsere Pferde zurück auf den Trail. Rolf ist inzwischen abgestiegen, hat sein Pferd festgebunden und rennt den beiden Packpferden hinterher. Kurz vor dem Seeufer erreicht er sie und führt sie zurückl. Erst jetzt wird uns klar, dass wir hier in große Schwierigkeiten hätten geraten können, wenn die Tiere im Treibsand eingesunken wären.
Nach diesem aufregenden und auch gefährlichen Zwischenspiel werden die Hunde angeleint, denn in einiger Zeit müssen wir eine Straße überqueren. Rolf gelingt es, Frosty an die Leine zu legen, Blacky jedoch lässt sich nicht mehr blicken, sondern läuft ab sofort weit voraus, wo er die Rufe Rolfs nicht mehr hören kann. Schlauer Hund! Kurze Zeit später erreichen wir die Straße und es kommt, was kommen musste. Blacky rennt trotz eines herannahenden Autos mitten auf die Straße. Der Fahrer hat inzwischen auf Schritttempo herunter gebremst, als Blacky versucht, in die Reifen zu beißen, was allerdings misslingt. Wir überqueren so schnell wie möglich die Straße, um Blacky aus der Gefahrenzone zu lotsen. Er und Frosty kamen über das Tierheim in Whitehorse zu Rolf und Ingrid auf die Ranch. Frosty und seine sämtlichen Wurfgeschwister wurden auf der Müllkippe der Stadt ausgesetzt. Alle Hunde sind erfroren, er hat als Einziger überlebt. So kam er zu dem Namen "Frostbite" oder kurz "Frosty". Dieser Fall hatte auch in den Zeitungen von Whitehorse für großes Aufsehen gesorgt. Beide Hunde wissen, dass sie es gut haben auf der Ranch, sie sind sehr treu, waren nie bösartig und sehen auf der Ranch immer nach dem Rechten. Die beiden würden ihr Leben geben, wenn Ingrid und Rolf einmal in Not geraten sollten.
Auf der Ranch angekommen, müssen wir den Nebeneingang benutzen, denn Ingrid ist auf dem Weg, neue Gäste in Mayo abzuholen und hat wegen ihrer Abwesenheit das Haupttor verriegelt. Der Weg zum Nebentor ist sehr staubig, offensichtlich hat es hier in Whitehorse nicht geregnet. Der mehlfeine Staub legt sich über uns, wir schmecken ihn auf der Zunge. Mitten im Haferfeld steht ein großer Hirsch, der uns misstrauisch beobachtet. Als wir die Stallungen erreichen und vom Pferd steigen, umarmt Rolf Inge und mich und meint schmunzelnd: "Wir haben es überlebt". Dabei haben wir uns nie gefährdet gefühlt. Wir leeren noch die Satteltaschen, die Pferde bekommen einen Topf mit Hafer, wälzen sich im Staub und rennen zur Wasserstelle. Als erster säuft PATCHES, der Boss. Alle anderen warten geduldig, bis sie an der Reihe sind. Inzwischen ist Ingrid mit den neuen Gästen eingetroffen, die uns freundlich begrüßen und von ihrer Kanutour in den Northwest Territorys erzählen.
Spät am Abend gehe ich noch einmal zu den Stallungen, um mich von BUDDY zu verabschieden. Doch die Pferde sind weit über die Ranch verstreut. Im Gebüsch sehe ich auf einmal MEADOW, als plötzlich auch RAVEN auf der Bildfläche erscheint und scheinbar Streit mit ihm sucht. Im letzten Moment sieht RAVEN dann PATCHES im Unterholz auftauchen. Sofort dreht er ab und frisst woanders. Tja, der Blick von PATCHES ist wohl absolut Gesetz.
Hier auf der Ranch und bei unserem Pferdeabenteuer haben wir einen kleinen Einblick in die Welt der Pferde bekommen. Es sind wundervolle Tiere, wenn man sie richtig behandelt. Die hinter uns liegende Tour ist von wenigen schwierigen Stellen unterwegs abgesehen auch für Anfänger (die wir ja waren) geeignet, denn die Pferde sind absolut trittsicher und sehr ruhig, aber man sollte nie den Respekt vor ihnen verlieren. Natürlich hat jedes Tier seinen eigenen Kopf und seine „Marotten“ und man muss sich darüber klar sein, dass wie bei allen anderen Abenteuertouren ein gewisses Restrisiko immer bleibt. Hilfreich ist es sicherlich, wenn man eine gewisse sportliche Fitness mitbringt und als absoluter Reitanfänger vorher ein paar Reitstunden nimmt.
Schon am nächsten Tag, als wir zu unserer kleinen Rundreise durch den Yukon aufbrechen, wird uns klar, wie sehr wir die ganze Bande vermissen. Noch oft werden wir später zuhause sitzen und von unseren Erlebnissen erzählen. Und beide sind wir uns sicher, dass wir nicht zum letzten Mal auf einem Pferd gesessen haben.


