15./16.09.2003
Wer meine bisherigen Reiseberichte über Kanada und Alaska gelesen hat, ist dabei zwangsläufig auch auf die Bären vom Fishcreek in Hyder/Alaska gestoßen. Spätestens da dürfte jedem aufgefallen sein, welch große Faszination diese beeindruckenden Tiere auf mich ausüben. Seit meiner ersten Begegnung mit einem Grizzly in der Nähe von Lake Louise (Alberta) lassen sie mich nicht mehr los, ich bin zu einem großen Bärenfreund geworden. Und aus diesem Grund verfolge ich auch schon seit langem, welche Veränderungen seit unserem ersten Besuch 1998 am Fishcreek dort vor sich gehen. Und leider muss ich sagen, dass es (nicht nur in meinen Augen) keine guten sind!
Obwohl durch Bilder im Internet und Beschreibungen von Bekannten bereits vorgewarnt, war es dann gestern ein Schock zu sehen, was aus dem wunderschönen Fishcreek geworden ist. Die einstmals kleine Besucherplattform am Flussufer hatte man abgerissen und durch einen gigantischen Neubau, der sich an der gesamten Länge des ehemaligen Beobachtungsweges bis zum Parkplatz fortsetzte, ersetzt. Am kleinen Nebencreek, der ebenfalls von Lachsen besucht wird und in den See mündet, zog sich auch eine Holzplattform entlang. Beide sind insgesamt fast 680 m lang. Wir waren betroffen, was man dort "zum Schutz der Menschen vor den Bären - oder war es vielleicht umgekehrt???" gebaut hat. Es gibt jetzt dort sogar eine Toilettenanlage, die sicher bei dem enorm angestiegenen Besucheraufkommen auch erforderlich ist. Wir haben uns nur gefragt: "Wie wirkt sich der penetrante und stechend beißende Chemikaliengeruch, den man auch noch außerhalb wahrnimmt und der schon von uns Menschen als störend empfunden wird, auf die Bären mit ihren äußerst feinen Nasen aus?
Das ist nicht mehr der Fishcreek, wie wir ihn von früheren Besuchen her kennen. Man kommt sich vor wie im Zoo. Und da die Bären das wohl genauso sehen, haben sie bereits ihre Konsequenzen gezogen und sind den Fluss ein ganzes Stück hinunter gezogen, wo sie nicht mehr durch eine immer größere Anzahl von Touristen gestört werden können. Wir hatten die Bären in Hyder bisher immer im September erlebt. Zu dieser Jahreszeit fanden sich dort nur noch wenige Bärenliebhaber ein, die man mühelos zählen konnte. In diesem Jahr jedoch, so konnten wir es in den frei einsehbaren statistischen Aufzeichnungen der Ranger lesen, tummelten sich an einem einzigen Tag Anfang September dort sage und schreibe 546 Besucher... Klar erkennbar war anhand dieser Aufzeichnungen auch, dass das "Bärenaufkommen" drastisch abgenommen hatte, obwohl das keiner der anwesenden Ranger öffentlich zugab. An der Plattform selbst tauchte während unseres Aufenthaltes nur noch ganz vereinzelt ein Bär auf und verschwand auch schnell wieder. Wir haben noch nie so wenig Petze wie diesmal dort gesehen! Alle, die den Fishcreek in seinem Urzustand kennen, waren enttäuscht und sagten, sie wären das letzte mal dort gewesen! An den Ufern, wo sonst immer die Überreste der Lachse lagen, haben wir nur eine einzige Fischgräte gesehen! Dagegen fielen mir weiter flussabwärts an den Böschungen zahlreiche von Fischgräten übersäte Plätze auf, wohin die Bären offensichtlich gezogen sind. Abends bei der Rückfahrt konnten wir dort einmal einen Grizzly beobachten. Am letzten Abend tauchte in der Dämmerung im Fluss am Ende der Plattform einer auf, fing einen Lachs und machte auf dem Absatz wieder kehrt, um vom Blitzlichtgewitter (!!!) ungestört seinen Fang zu verzehren. Dabei hatten die Ranger vorher noch eindrücklich gebeten, keinen Blitz zu benutzen.... So wird Stück für Stück und für viele unmerklich eines der letzten noch frei zugänglichen Bärenparadiese in Nordamerika zerstört.
Die ewig Unverbesserlichen werden weiter aus ihren Autos steigen und mit Filmkameras und Fotoapparaten bewaffnet einem am Straßenrand grasenden Bären den Hang hinauf hinterher jagen (wir selbst haben in dieser Hinsicht schon die absurdesten und unbegreiflichsten Situationen erlebt). Was nützen da alle Broschüren in den Visitor-Infos, die darüber aufklären, wie man sich bei einer Bärenbegegnung verhalten soll? Es wird auch immer wieder Menschen geben, die Lebensmittel auslegen, um Bären anzulocken, damit sie ihr "Starfoto" schießen können. Was geht eigentlich in deren Köpfen vor? Es ist mittlerweile erforderlich geworden, an der Zufahrtsstraße zum Fishcreek Hinweistafeln in deutsch (!) aufzustellen, mit denen man das Füttern der Bären verbietet. So etwas müsste einem doch schon der gesunde Menschenverstand sagen. Denn genau dieses gewissenlose Verhalten führt eines Tages zu derartigen Tragödien wie vor zwei Jahren, als ein Bär einen Camper auf dem Campground in Hyder nachts in seinem Zelt angegriffen und getötet hat. In dem weltweiten Aufschrei, der daraufhin durch die Presse ging und auch in deutschen Zeitungen zu lesen war, stand in erster Linie die Bestie "Bär" im Vordergrund. In nur ganz wenigen Artikeln wurde am Rande erwähnt, dass es sich bei dem Getöteten um einen Koch gehandelt hat, der sich mit der Bekleidung, in der er Essen zubereitet hatte, zum Schlafen in sein Zelt gelegt hatte. In jeder "Bärenbroschüre" kann man nachlesen, dass man genau das tunlichst vermeiden soll, da die Essensdüfte zwangsläufig Bären mit ihren überaus feinen Nasen anziehen. Besonders makaber war dann noch der Umstand, dass der Mann aus Ketchikan (Südalaska) stammte und eigentlich über bärengerechtes Verhalten hätte Bescheid wissen müssen. Im Grunde genommen zeigt das aber den respektlosen Umgang mancher Menschen mit der Natur und Tierwelt. Sie werben zwar in ihren Tourismus-Prospekten damit, dass das Land eigentlich den Bären gehört und man selbst dort nur "Besucher" ist und sich als solcher dementsprechend verhalten soll. Aber ihr eigenes Verhalten in dieser Hinsicht spricht Bände. Wie anders ist es sonst zu erklären, dass uns ein Geschäftsmann in Stewart mit größter Selbstverständlichkeit klarzumachen versuchte, dass es völlig normal und notwendig sei, die in immer größerer Anzahl auf der von Einwohnern in Stadtnähe angelegten Müllkippe erscheinenden Schwarzbären zu erschießen. Sie seien doch eine große Bedrohung der Menschen ... Touristen werden in zahlreichen Publikationen eindringlich darauf hingewiesen, auf Campgrounds und in der freien Natur unter keinen Umständen Lebensmittelreste offen herumliegen zu lassen, damit dadurch keine Bären angezogen werden. Aus diesem Grund sind auf Rastplätzen und Campgrounds überall bärensichere Abfallbehälter aufgestellt worden. Auf der anderen Seite errichtet man ziemlich gedankenlos in unmittelbarer Nähe der Menschen Mülldeponien, und wundert sich, dass diese die Bären anlockt und fühlt sich von ihnen dann auch noch bedroht!
Nur wenige Wochen vor unserem Abflug nach Kanada ereignete sich ein weiterer tragischer Zwischenfall. Der bei allen Besuchern beliebte Grizzly "Aussie" mit dem gelben Markierungsknopf im Ohr, ein überaus friedlicher Bär, hatte sich eines nachts aus dem Schutzgebiet des Tongass National Parks entfernt und war in Stewart (British Columbia), dem Nachbarort Hyders aufgetaucht. Dort fühlte sich ein angetrunkener Bewohner von dem Tier bedroht und hat den Bären kurzerhand erschossen! Das Erschießen eines Bären, wenn man sich bedroht fühlt, ist nach den Jagdgesetzen British Columbias durchaus statthaft und nicht strafbar, so dass dem Täter von Seiten der Justiz nichts passieren konnte. Er besaß sogar die Dreistigkeit, die Herausgabe der Bärenklauen als persönliche Jagdtrophäe zu fordern und war bereit, sein "Recht" darauf im Falle eines Falles auch gerichtlich durchzusetzen!
Anstelle des Steges wäre es besser gewesen, man hätte den bisher freien Zugang zum Fishcreek gesperrt und Zutritt nur noch gegen ein horrendes Entgelt oder eine Lotterie, wie an den bekannten Stellen in Nord-Alaska und nur für eine täglich begrenzte Anzahl von Touristen zugelassen. Vielleicht hätte man so den Lebensraum der Bären noch retten können, denn dann wären höchstwahrscheinlich nur noch die wirklichen Bärenliebhaber zu diesem einmaligen Platz in Südalaska gekommen.


